Geschichtliches zu Weilburg

Das "Schwalbennest" Karl Augusts auf dem Marktplatz

Weilburg, Lahn, 1951 abgerissene Gebäude auf den Grundmauern des ehemaligen "Schwalbennests"

Das 1951 abgerissene Gebäude auf den Grundmauern des ehemaligen "Schwalbennests"

Älteren Weilburgern noch wohl bekannt, auch auf alten Fotos und Ansichtskarten dokumentiert, befand sich in der Nordostecke des Marktplatzes, angelehnt an die Mauern von Orangerie und Kirchturm, ein Gebäude, das in den letzten Jahren vor seinem Abriss (1951) als Garage, davor als Spritzenhaus für die Freiwillige Feuerwehr gedient hatte. Dieser Bau stand auf den Grundmauern eines von Fürst Karl August beauftragten Erweiterungsbaus des Schlosses, der zwischen 1745 und 1750 errichtet worden war, dem so genannten "Schwalbennest".

Karl August (geb. 17.09.1685, gest. 09.11.1753, Fürst ab 1737) hatte nach dem Tod seines Vaters Graf Johann Ernst im Jahr 1719 dessen Nachfolge angetreten. Sein bevorzugter Aufenthaltsort war allerdings nicht Weilburg; Karl August machte das in seinen links-rheinischen Landen gelegene Kirchheim zu der Residenz, in der er sich bevorzugt aufhielt. Dort entwickelte er eine ähnlich rege Bautätigkeit wie sein Vorgänger Johann Ernst in Weilburg. Seinen Aufenthalt in Weilburg beschränkte er meist auf einige Wochen im Sommer und es sind in Weilburg vor allem vier Bauvorhaben, die in seinem Auftrag durchgeführt wurden: der Ausbau des Herrenhauses auf dem Windhof, die Neugestaltung des Tiergartens mit dem Bau des Jagdpavillons, die Errichtung der Heuscheuer und das "Schwalbennest" als Anbau an die Orangerie auf dem Marktplatz.

Ursprünglich beabsichtigte Karl August einen Großteil der unter Johann Ernst und dessen Architekten Rothweil entstanden Schlossbauten umbauen und an die geänderten Vorstellungen seiner Zeit anpassen zu lassen. Mit der Anfertigung entsprechender Zeichnungen hatte 1744 Karl August bereits Rothweil beauftragt. Dieser stand zwar seit 1719 im Dienst des Fürsten von Waldeck, war nebenamtlich aber weiter auch für Karl August tätig.

Die umfassenden Umbaupläne ließ Karl August jedoch fallen und beschränkte seine Bauabsichten auf den Anbau an die Orangerierückseite am Marktplatz. Annehmen darf man sicher, dass Rothweil an diesen Einschränkungen seinen Anteil hatte, vielleicht war auch die Höhe der Kosten entscheidend, denn Karl August wird als haushälterisch und sparsam angesehen. Jedenfalls war es ein Plan Rothweils, der für das "Schwalbennest" zur Ausführung kam.

Weilburg, Lahn, "Schwalbennest" auf dem Marktplatz (Rekonstruktion)

"Schwalbennest" auf dem Marktplatz (Rekonstruktion)
Quelle s. u.

Errichtet werden sollte ein steinernes Gebäude auf einem Grundriss von 45 x 27 Fuß (12 x 7 Meter), mit zwei Stockwerken so hoch wie die Orangerie und mit einem gesonderten Mansardendach. Jedes der somit drei Stockwerke war in drei Räume unterteilt, der vordere Raum war Vorzimmer, dann folgten Schlafzimmer und Garderobe. Die Wohnräume des Fürsten lagen im mittleren Stockwerk, wo das Vorzimmer als Kabinett eingerichtet werden sollte.

Die Arbeiten begannen im Frühjahr 1745 und bedingten auch einen Türdurchbruch zwischen Orangerie und Anbau sowie Umbauarbeiten in der Orangerie wegen neuer oder anders gelegter Treppen, Gänge und Türen. Für den Innenausbau und die Ausgestaltung des mittleren Stockwerks wurden Ende 1745/Anfang 1746 einige Änderungen vorgeschlagen, jedoch konnte sich Rothweil mit seinen ursprünglichen Plänen durchsetzen.

Vier Öfen, gefertigt nach Rothweils Plänen, lieferte die Löhnberger Hütte. Je ein Ofen stand in den beiden unteren Stockwerken an den Wänden zwischen Vor- und Schlafzimmern und in den Garderoben. Die Ofenwand im Untergeschoss war mit rund 1000 Delfter Porzellanplättchen belegt, im Mittelstock war die Ofennische mit Marmor ausgekleidet. Weiter wurden u. a. drei große Spiegelrahmen angefertigt, ein eichener Bettschrank für den Kammerdiener, drei Nachtstuhlgehäuse mit Türen und Nachtstühlen, zwei große Schränke und ein Wandschrank. Die Spiegel- und Porträtrahmen und alle Schnitzarbeiten im Mittelstock wurden vergoldet. Dazu kamen die Glaserarbeiten für die Fenster, die Arbeiten für die Wandtäfelungen und den Parkettfußboden. Der Großteil des Innenausbaus konnte zwar 1747 abgeschlossen werden, aber auch noch zwei Jahre später wurden Innenarbeiten ausgeführt und Möbel angefertigt.

Außerdem hatte sich Karl August anscheinend erst während der Bauzeit entschlossen, dem Anbau einen Altan voranzusetzen, der von der Orangerie her und vom Mittelstock des neuen Anbaus zu betreten war. Mit dem Bau dieses Altans wurde 1747 begonnen. Ein Kreuzgewölbe wurde auf Pfeilern aufgeführt und über den Bögen dann weiter bis zur Fußbodenhöhe des mittleren Stocks. Der Zugang zum mittleren Stock wurde über ein zur Tür umgestaltetes Fenster ermöglicht. Belegt war der Altan mit Platten und eingefasst von einem gusseisernen Geländer.

Fürst Karl August, der sich intensiv um die Gestaltung seines Anbaus gekümmert hatte, konnte diesen nicht lange nutzen; er starb 1753. Und wie aus einem Inventarverzeichnis des Jahres 1764 hervorgeht, war der Anbau bereits zu diesem Zeitpunkt fast unmöbliert und in schlechtem Zustand.

Warum und seit welchem Zeitpunkt das "Schwalbennest" nicht mehr existiert, ist nicht eindeutig zu klären. In einem Stadtplan von 1770 ist der Schlossanbau noch eingezeichnet, nicht mehr aber in einem Plan von 1803. Gegen einen Abriss spricht die Tatsache, dass dieser Schlossteil der modernste gewesen ist und ältere Bauteile des Schlosses erhalten worden sind. Denkbar ist auch ein Einsturz des "Schwalbennests" wegen unzureichender Fundamentierung, in Verbindung mit seiner Errichtung über dem Keller eines früher dort befindlichen Hauses.

Verschwunden ist mit Fürst Karl Augusts "Schwalbennest" jedenfalls ein Schlossanbau, der durch seine Öffnung zur Stadt im Gegensatz zur gesamten übrigen Schlossanlage stand.


Quelle:
F. A. Schmidt, Wiesbaden, in
Nassauische Annalen, 60. Band, Heft 1, 1943