Geschichtliches zu Weilburg

Ehemalige Wallfahrtskirche "Unserer lieben Frau" im Pfannstiel

Südlich von Drommershausen und westlich von Hirschhausen, die beiden Ortschaften sind heute Stadtteile von Weilburg, verläuft ein schmales Wiesental, das von einem kleinen, aus dem Wildpark "Tiergarten Weilburg" herführenden, Bach durchflossen wird und dessen Wasser mit dem Grundbach bei Ahausen in die Lahn mündet.

Weilburg, Pfannstiel, Lageplan

Lageplan zur Wallfahrtskirche und des umgebendem Bezirks im Pfannstiel
(Infotafel des Geschichtsvereins Weilburg)

Dieses Flurstück wird 1364 mit "Im Pfannstiel" bezeichnet, ältere Bezeichnungen lauten Panstel, Panstyll, Panstille und Pansel. Möglich, dass sich der Flurname auf die Geländeform bezieht, die hier an die Gestalt einer Pfanne erinnern könnte, mit dem lang gestreckten Wiesental als Stiel. Eine andere Erklärung für die Bezeichnung ließe sich durch die Ableitung aus dem lateinischen Wort "Panicilium" (= Brothaus) herleiten, mit dem eine Verpflegungsstätte bezeichnet worden sein könnte. Mehr einer frommem Sage zuzurechnen ist wohl die Deutung, dass in der Wallfahrtskirche der Stiel vom Breipfännchen des Jesukindes als Reliquie aufbewahrt worden sein soll.

Auslöser für den Bau einer Wallfahrtskirche in dieser Gemarkung waren Wunder, die einem Marienbild zugeschrieben wurden. Dieses befand sich an (in) einem Baum, der dort stand, wo der von Hirschhausen nach Weilburg ziehende Weg den Bach überquerte. Der Ruf des wundertätigen Marienbildes verbreitete sich rasch, man trug dort seine Nöte und Sorgen vor und brachte Kranke aus den umliegenden Ortschaften dorthin zur erhofften Heilung.

Weilburg, Wiesental im Pfannstiel

Das Wiesental im Pfannstiel. Im Hintergrund der Weilburger Stadtteil Hirschhausen

Wahrscheinlich zu Beginn der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts führten die dem Marienbild zugeschriebenen Wunder zum Bau der Wallfahrtskirche "Unserer lieben Frau und St. Johannes" und etwa zur gleichen Zeit auch zur Bildung der "Gesellschaft und Bruderschaft des Rosenkranzes Unserer Lieben Frau zum Panstiel". Eine erste urkundliche Erwähnung der Kirche findet sich unter dem Datum des 1. Mai 1461. Dass der Ruf der gewirkten Wunder bald über die engen Grenzen der umliegenden Gemeinden hinausging, zeigt das Bruderschaftsbuch, das unter den fast 200 Personen auch solche aus Frankfurt ausweist.

Die in den ersten Jahren vom Stadtpfarrer aus Weilburg mitbetreute kleine Kirche wurde 1471 der Verwaltung durch die Johanniter in Niederweisel bei Butzbach unterstellt. Einem bürgerlichen Baumeister aus Kirschhofen und je einem Baumeister des Johanniterordens und des Herrscherhauses in Weilburg waren die Bauaufsicht und Finanzverwaltung übertragen. Der sich weiter verbreitende Ruf über die im Pfannstiel geschehenen Wunder hatte auch eine Zunahme der zur Kirche wallfahrenden Gläubigen zur Folge und damit verbunden auch wachsende Kircheneinnahmen aus Spenden, Übereignungen, Handel und Dienstleistungen. Zur Kirche gehörten mittlerweile auch ein Unterkunftshaus für Pilger, ein Haus des Priors und Wirtschaftsgebäude.

Am 20. November 1482 übertrug Graf Philipp II. die prosperierende Wallfahrtsstätte dem Konvent in Wiesenfeld (Frankenberg, Eder). Wahrscheinlich hat dabei die Verbindung seiner Schwiegertochter Elisabeth von Hessen, der Tochter des Landgrafen Ludwig von Hessen in Marburg, eine Rolle gespielt. Bei der Übertragung an die Johanniter wurden die Ordensbrüder von allen Abgaben und Dienstleistungen befreit, musten aber eine weitgehende Oberaufsicht des Grafen anerkennen. Der bisherige Prior im Pfannstiel, Hermann Katzenfurt, erhielt das Ordenskreuz und blieb als Vorsteher zusammen mit einem anderen Geistlichen im neuen Ordenshaus. Katzenfurt bekleidete das Amt von 1479 bis 1496, danach übernahm für zwanzig Jahre Matern Spitzfaden das Amt; ein Herr Peter (von Trarbach) wird um 1525 als Prior erwähnt.

In einem Bericht aus dem Jahr 1495 wird der Pfannstiel als der Kommende Wildungen unterstellt bezeichnet. Zwei Priester versahen ständig Dienst in der Kirche und jeden Tag wurde wenigstens eine Messe verlesen. Um den weiteren Ausbau des Wallfahrtsortes zu fördern, wurden zwei Drittel der Einnahmen für 10 Jahre der Kirche zugesprochen, das verbleibende Drittel ging an den Johanniterorden. Mit den nicht unbeträchtlichen Einnahmen entstand ein dreischiffiges Gotteshaus mit reicher Ausstattung, Altären und Glocken, dessen Chor und Hochaltar der Trierer Weihbischof Johann von Eindhofen am 1. August 1488 weihte.

Weilburg, Pfannstiel, Mauerreste der Wallfahrtskirche

Mauerreste der Wallfahrtskirche im Pfannstiel

Ein Jahr später brach ein Feuer aus und vernichtete die Kirchenausstattung und die Glocken. Das wundertätige Marienbild blieb jedoch unversehrt und bestätigte so die ihm zugesprochenen Wunderkräfte. Das führte zum Wiederaufbau der Kirche "Unserer lieben Frau" mit noch prächtigerer Ausstattung und fünf Altären. Den Wiederaufbau leiteten die Wetzlarer Baumeister Nicolaus und Massenheim. Die finanziellen Mittel für den Wiederaufbau flossen auch aus einem Ablassbrief, den man bei Papst Innozenz VIII. erwirkt hatte. Dazu kamen die weiter anwachsenden Einnahmen aus Grundbesitz und dem immer wohlgefüllten Opferstock. Und da die kirchliche Verwaltung mit der Vergabe von Krediten auch Bankgeschäfte tätigte, trugen zu den Einkünften auch die Einnahmen aus Zinsen bei.

1517 wurde der Kirchenbau vollendet. Zu der von einer Mauer umschlossenen Anlage gehörten auch ein Kirchhof, Wohngebäude der Priester, Übernachtungs- und Verpflegungseinrichtungen für die Pilger, Stallungen und Scheunen.

Schwieriger wurden die wirtschaftlichen Verhältnisse mit Beginn der Reformationszeit, besonders nachdem 1523 in der Grafschaft Weilburg Philipp III. die Herrschaft übernommen hatte, der die lutherische Lehre befürwortete. Auf seine Veranlassung wurde 1526 ein Inventarverzeichnis des beweglichen Kirchenbesitzes angefertigt und die Zahlungen an den Komtur wurden eingestellt, die Wallfahrtskirche aber blieb noch bestehen. Wie in den anderen Gemeinden der Grafschaft wurden allerdings keine katholischen Gottesdienste mehr abgehalten, so dass die Wallfahrtsstätte zunehmend verwaiste.

Weilburg, Pfannstiel, Johanniterkreuz und Altar im Pfannstiel

Johanniterkreuz und Altar im Pfannstiel

Wunderglaube und lang geübte katholische Bräuche konnten aber nicht in kurzer Zeit gänzlich ausgemerzt werden. So unternahm Graf Philipp III. erst 1538 den letzten Schritt zur Auflösung der Wallfahrtsstätte. Der Landbesitz wurde eingezogen und in die gräfliche Verwaltung eingegliedert, das Kircheninventar an Gold, Silber und mit allen Kleinodien und Zierrat wurde verkauft und der Erlös für den 1538 begonnenen Bau der neuen Stadtkirche Weilburgs verwandt.

Im Pfannstiel wurde eine evangelische Pfarrei eingerichtet, die bis 1543 von Pfarrer Andreas betreut wurde, danach von Bernhard Rein. Im Laufe der Jahre verfielen die Nebengebäude und das Baumaterial fand neue Verwendung bei den Bewohnern der Umgegend. Um 1550 verfügte Graf Philipp III. den vollständigen Abriss der noch bestehenden Kirche und damit verschwand das letzte Bauwerk der Wallfahrtsstätte im Pfannstiel.

1959 wurden einige Fundamentreste freigelegt, die im Verlauf der letzten Jahrzehnte von Bäumen wieder überwachsen wurden und unter Sträuchern verschwanden. Im Zusammenhang mit dem "Tag des offenen Denkmals" im Jahr 2007 hat der Geschichtsverein Weilburg die nur noch in geringem Maße vorhandenen Fundamentreste wieder teilweise vom Bewuchs befreit und am ehemaligen Standort der Wallfahrtskirche eine Informationstafel aufgestellt. Mit einem Text von Herrn O. Keiner wird darauf über die Geschichte der Wallfahrtskirche "Unserer Lieben Frau" im Pfannstiel informiert.

Innerhalb der Grundmauern der ehemaligen Wallfahrtskirche wurde im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes am 11. Juli 2009 ein Holzkreuz aufgestellt und geweiht. Der Aufstellungsplatz kennzeichnet den vermuteten Standort des Altars in dieser Kirche. Das Kreuz ist mit einem von dem Bildhauer Sven Müller aus Freienfels gefertigten Johanniterkreuz aus Tiroler Alpenstein versehen.

Vor dem Holzkreuz wurde am 13. August 2011 ein Altar geweiht. Die Altarplatte aus hellgrünem Chloritgneis wurde von dem Steinmetz Müller aus Freienfels gefertigt und mit Blattornamenten verziert.

Durch den damaligen Denkmalpfleger des Oberlahnkreises und Leiter des Weilburger Heimatmuseums Karl Heymann wurden 1959 archäologische Arbeiten zu den Bauten im Pfannstiel durchgeführt. Seine Forschungsarbeiten boten Ansatzpunkte für weitere bodenkundliche Untersuchungen, die Mitglieder des Geschichtsvereins Weilburg e. V. und ein Institut für archäologisch-geophysikalische Prospektion im Jahr 2010 vornahmen. Mit dem angewandten geoelektrischen Verfahren konnte eine Vermessung und Kartierung der Bodenmonumente vorgenommen werden. Anhand der so gewonnenen Informationen wurde festgestellt, dass die Wallfahrtskirche im spätgotischen Baustil als dreischiffige Hallenkirche mit schlanken Säulen gebaut worden war. Die Länge der Kirche betrug 25 m, die Breite 14 m. Mit dem Choranbau von ca. 10 m Länge und 12 m Breite hatte die Kirche eine Länge von insgesamt 35 m. Aus den identifizierten Fundamenten konnten die Strebepfeiler ermittelt werden, weiter fanden sich Hinweise auf eine Wendeltreppe vom Chor in den darüberliegenden Dachstuhl. Als Baustoff diente roter und grüner Schalstein aus dem Schellhofbruch bei Weilburg.

Die Auswertung aller Ergebnisse, dazu Informationen über Bauweise und Bauten der Spätgotik, Baumeisterrechnungen und Vergleiche mit der über 500 Jahre alten Wallfahrtskirche Wirzenborn (Montabaur), flossen in eine am Computer erstellte bildliche Rekonstruktion der Wallfahrtskirche im Pfannstiel ein. Eine 2011 aufgestellte Informationstafel zeigt die so entstandene Darstellung über das mögliche Aussehen der Wallfahrtskirche "Unserer Lieben Frau" im Pfannstiel.

Weilburg, Pfannstiel, Rekonstruktionn

Bildliche Darstellung des evtl. Aussehens der Wallfahrtskirche
(Infotafel des Geschichtsvereins Weilburg)


Quelle:
Backhaus, Gisbert; Losacker, Matthias (2011):
Pilgerort im Pfannstiel rekonstruiert.
So könnte die Kirche "Unserer lieben Frau" östlich von Weilburg ausgesehen haben.
In: Weilburger Tageblatt, Heimat an Lahn und Dill 172, 07.08.2011, S. 11.

H. Emden
Weilburgs Kirche im Mittelalter
Evangelische Kirchengemeinde, 1998

K. Heymann
Die Kirche unserer lieben Frau zum Pfannstiel
Nassauische Heimatblätter
50. Jahrgang, Heft 1
Wiesbaden, 1960

Keiner, Ortwin (2007):
Wundertätiges Marien-Bild liegt in einem Baum.
Der Geschichtsverein Weilburg erinnert an die einstige Wallfahrtskirche bei Drommershausen.
In: Weilburger Tageblatt, Heimat an Lahn und Dill 168, 09.09.2007, S. 14.

Schmidt, Fritz Adolf (1939):
Panstiel, eine Marienbruderschaft.
In: Land und Leute im Oberlahnkreis, Monatliche Beilage zur "Kreiszeitung für den Oberlahnkreis" Weilburg 15, 1939 (Nr. 8), S. 22–23.

W.-H. Struck
Die Stifte St. Walpurgis und St. Martin in Idstein
Germania Sacra
Band 27, 1990.