Literarisches Weilburg

Weilburger Sagen

Das Kühchen im Pansel

Im Grundbachtal, nahe Drommershausen und Hirschhausen, befand sich um 1500 eine der Maria gewidmete Wallfahrtskirche, deren Reichtum nicht unbeträchtlich gewesen sein soll. Auf diesen sagenhaften Reichtum nimmt die Sage vom "Kühchen im Pansel" Bezug. Sie finden eine Infoseite zur Geschichte der Wallfahrtskirche unter dem Link: "Wallfahrtskirche im Pfannstiel"

"Das Kühchen im Pansel"

Der Hirte von Drommershausen hatte seine Kühe in den Pansel getrieben. Das ist ein Wiesengrund, der von dem verschwundenen Kloster Pfannenstiel seinen Namen bekommen hat. Da sah er, als er seine Herde überblickte, auf einmal auch ein weißscheckiges Kühchen, das er bis dahin noch niemals erblickt hatte.

Als er am Abend heimtrieb, verschwand das Kühchen im Walde. So ging es nun Tag für Tag, den ganzen Sommer hindurch: morgens, wenn der Hirt austrieb, kam das Kühchen aus dem Walde und weidete mit der Herde, abends verschwand es wie der Wind.

Als nun der Herbst kam und zum letztenmale ausgetrieben wurde, nahm der Hirte seinen Buben mit in den Pansel und sagte zu ihm am Abend: "So, jetzt treibe du die Kühe heim, ich will einmal dem Scheckchen nachgehen, ob ich auch meinen Hüterlohn bekomme!"

 Der Bub treibt die Kühe heim, und der Hirt geht dem Scheckchen nach. Wieder verschwindet es im Wald. Da sieht es der Hirte in eine Bergschlucht gehen. Er nach. Das Kühchen verschwindet in einer Höhle. Der Hirte kommt bis vor die Höhle und sieht plötzlich zwei Männer, die Sand in einen Sack füllen. "Ist das Kühchen euer?" fragt der Hirte. "Ja!" antworten die Männer. "Kriege ich auch meinen Hütelohn?" Da lachen sie und sagen: "halte nur die Kappe auf!" Da tut er seine Schirmkappe ab und die Männer schütten sie ihm voll Sand. Der Hirte bedankt sich und geht.

Unterwegs denkt er: "Ach, was soll ich mit einer Kappe voll Sand? In der Sandkaute gibts Sand, und in der Weil gibts auch Sand!" Schüttet also den Sand aus und setzt die Kappe wieder auf. Als er sie daheim an den Nagel hängt, glitzert etwas im Kappenfutter. Er guckt nach: ein richtiges, gutes Goldkorn hält er in der Hand. Da schüttelt er die Kappe auf dem Tisch aus. Gott sei Dank! da sitzt es noch genugsam in den Falten und rieselt wie ein feiner Regen auf den Tisch. Nun aber die Leuchte und schnell in den Wald, wo er die Kappe ausgeschüttet hat. Er sucht die ganze Nacht, er sucht am nächsten Tag: nichts findet er mehr, keinen Sand, keine Schlucht, keine Männer und kein Kühchen. Da gab er sich zufrieden mit dem was er hatte.


Quelle:
Nassauischer Sagenborn
erzählt von Otto Stückrath,
Heimatschollen-Verlag,
A. Bernecker, Melsungen,
1924