Literarisches Weilburg

Weilburger Sagen

Weilburger Hündchen

"Weilburger Hündchen"
Weilburg, Lahn, Giebelwand des Hochschlosses vom Schlossgarten

Giebelwand des Hochschlosses vom Schlossgarten

Wer an der Nordostecke der oberen Schlossgartenterrasse steht, dessen Blick geht meist zuerst entlang des steilen Felsens hinunter in das Gebück und zu der am Fuß des Schlossfelsens ruhig fließenden Lahn mit dem Wehr an der alten Schlossmühle und zur Steinernen Brücke mit den ehemaligen Zollhäusern und dem Postamtsgebäude auf der anderen Lahnseite. Gegenüber dem Standort des Betrachters zieht die Limburger Straße steil die Westerwaldseite hinauf Richtung Limburg und eine von Platanen gesäumte und eben verlaufende Straße führt flussauf und stadtauswärts in Richtung Löhnberg.

Nach dieser Umschau wendet sich der Blick dann aber sicherlich zu der scheinbar direkt aus dem Felsen wachsenden und weiter aufwärts strebenden Wand des alten Hochschlosses - und auf dem unter einer Fensterreihe verlaufenden Gesimsband entdeckt man die steinerne Skulptur eines Hundes. Den Grund für die Darstellung der Hundefigur an dieser Stelle erzählt folgende Geschichte:

Weilburg, Lahn, Steinfigur des Weilburger Hündchens am Hochschloss

Steinfigur des Weilburger Hündchens am Hochschloss

Einer der zu seiner Zeit in Weilburg regierenden Fürsten hielt nicht nur die bei Hofe übliche Meute Jagdhunde, für deren Betreuung der Hundeführer zuständig war, sondern im Schloss auch einen Hund, der dem Fürsten als seinem Herrn besonders treu ergeben war und der sich trotz seiner geringen Größe schon als mutig erwiesen hatte.

Als eines Tages der Fürst mit seinem Gefolge einen Ausritt in die Umgebung unternahm, war sein Lieblingshund nicht zu finden und entgegen den sonst üblichen Gepflogenheiten musste der Ausritt ohne das Hündchen stattfinden. Einer der Bediensteten hatte das Tier versehentlich in einem Zimmer des Schlosses eingesperrt und das bellen des Tieres und sein kratzen an der Tür wurden in der allgemeinen Aufbruchstimmung von niemandem wahrgenommen.

So unternahm der Fürst den Ausritt mit seinem Gefolge und ohne den Hund als treuen Begleiter. Man ritt durch das Stadttor hinunter zur Lahn, dort ging es über die Brücke zur anderen Lahnseite und dann flussauf, von wo der Blick häufig zum aufragenden Schloss ging.

Von dort aus hatte mittlerweile der Hund des Fürsten seinen Herrn durch die zur Lahnseite gerichteten Fenster beim Ausritt am anderen Lahnufer entdeckt. Das treue Tier sprang auf das Fensterbrett und dann hinunter in die Tiefe des Gebücks und zur Lahn. Von diesem Sprung sicher schon verletzt durchschwamm es noch den Fluss und erreichte auch tatsächlich das andere Ufer.

Dort hatte der Fürst in seinem Ritt schon innegehalten, hatte er doch das Geschehen beobachtet und seinen Hund erkannt. Der kam jetzt voll Freude auf seinen Herrn zu, der mittlerweile vom Pferd gestiegen war und das treue Tier erwartete. Dieses erreichte seinen Herrn auch und der Fürst konnte seinen Hund noch auf den Arm nehmen und streicheln. Doch der Sprung in die Tiefe und die Durchquerung der Lahn waren zu viel für das Tier gewesen. Zwar hatte es seinen Herrn erreicht, verstarb dann aber in dessen Armen.

In Erinnerung an die Treue und Aufopferung seines Hundes ließ der Fürst dessen Abbild in Stein meißeln und die Skulptur dort am Mauervorsprung des Hochschlosses anbringen, von wo das treue Tier gesprungen war.


Nach einer von Karl Wehrhahn niedergeschriebenen Erzählung ist das in den Tod gesprungenen Hündchen Nachkomme einer Hündin der Gattin von Philipp I.:

Als Philipp I. von Weilburg seine Gemahlin Anna von Hohenlohe heimführte, mußte eine Hündin in Boland zurückgelassen werden, weil sie gerade zwei Junge bekommen hatte. Aber kaum war der Zug in Weilburg angelangt, siehe, da kam auch schon die Hundemutter mit einem Jungen im Maule. Sie verbarg es in den Wölwenlöchern, lief in den Donnersberg zurück, holte das andere und brachte sie nun beide hinauf in das Schloß.


Quelle:
"Eichblatts Deutscher Sagenschatz"
Band 5
"Sagen aus Hessen und Nassau"
von Karl Wehrhan
Hermann Eichblatt Verlag Leipzig-Gohlis 1922


Anmerkungen:
Phillip I., geb. 1368, gest. 02.07.1429,
heiratete 1387 Johanna (Anna) von Hohenlohe-Weikersheim,
Erbin von Bolanden

"Wölwenlöcher" ("Wölfenlöcher")
Namen der natürlichen, niedrigen Felslöcher im Hang des Wölbenberges, unterhalb vom Kanapée


Soweit diese Geschichte von der Treue des Hündchens zu seinem Herrn. In manchen Quellen wird Fürst Karl Christian von Nassau-Weilburg (1753-1788) die Rolle des Fürsten zugeschrieben, oft aber wird gar kein Name genannt. Es gibt keine Belege dafür, dass das Erzählte tatsächlich geschehen ist.

Ob das bloße Vorhandensein der Skulptur und die Erzählung selbst als ausreichende Beweise anzusehen sind, muss jeder für sich entscheiden. Vielleicht ist die Erzählung auch nur eine frühe Form der Öffentlichkeitsarbeit des Hofes oder der gleichnishaft vorgetragene Wunsch eines Herrschers, bei seinen Untertanen eine ebensolche Liebe und Treue bis in den Tod zu finden wie sie das Weilburger Hündchen (angeblich?) zeigte.

Steigerungsfähig im Sinne des Lobes der Herrschaft zeigt sich der Inhalt obiger Nacherzählung der Sage in der Dichtung "Das Hundchen des Fürsten" von A. Henninger. In dieser steht nicht mehr allein die Treue des Hundes zu seinem Herrn im Vordergrund, sondern es wird darüber hinaus vor allem die "Zuneigung" und "Fürsorge" des Fürsten gegenüber seinen Untertanen hervorgehoben.

A. Henningers Gedicht finden Sie ebenso unter "Weilburger Sagen" wie ein Gedicht von R. Dietz und eine Erzählung von B. Garbe zum Weilburger Hündchen.