Literarisches Weilburg

Weilburger Sagen

Hundchen des Fürsten

"Hundchen des Fürsten"
(von Aloys Henninger)

Nicht selten werden Lieb und Treu auf Erden schlecht belohnt;
Doch pflanzt sie stets die Hoffnung neu, die ihnen inne wohnt,
Die ihren Blick zum Sternenzelt aufträgt mit goldnen Schwingen,
Wann unbelohnt auf dieser Welt sie ihre Opfer bringen.

Doch ob auch grober Undank meist der Welt Lohn pflegt zu sein,
so nimmt doch lang ihr böser Geist nicht alle Herzen ein;
Noch manches ist erkenntlich auch, das unterm Purpur schläget,
Noch manches, das ein armer Gauch unter dem Kittel träget.

Ja, selbst das Thierchen, das ihm nützt, vergißt der Edle nicht;
Daß er es nährt, daß er es schützt, hält er für seine Pflicht:
Doch mehr noch that, als sich gebührt, ein Fürst an seinem Hündchen,
Wie mir die Kunde jüngst gerührt erzählt ein holdes Mündchen.

Zu Weilburg wo der Lahnstrom geht, da graut ein altes Schloß,
Das hoch an seinem Ufer steht auf steilem Felskoloß,
Und oben am Gesimse kann, aus Sandstein ausgehauen,
Des Thieres Bild der Wandersmann noch eingemauert schauen.

Des Fürsten Liebling war der Hund, und wenn ein Aug ihn sah,
So sahs ihm , wo er ging und stund, das treue Thierchen nah;
Es lag zu Fuß ihm immerdar, es lief ihm stets zur Seite,
Und gab dem guten Herrn sogar zur Kirche das Geleite.

Da lockte einst ein schöner Tag den Fürsten aus dem Schloß,
Denn schwer auf seinen Schultern lag der Herrschersorgen Troß,
Und, wo er oft am Strand der Lahn sich pflegte zu ergehen,
Ward einsam bald er auf der Bahn nach Löhnberg hin gesehen.

Wo aber bleibt das Hundchen heut, das sonst ihn froh umringt
Und mit den Sprüngen ihn erfreut, die es so lustsam springt?
Vergessen hat ers; eingesperrt blieb es auf seinem Zimmer;
Und wie es an der Thür auch scherrt, sie thut sich auf ihm nimmer.

Ein Fenster stehet offen nur, da hüpft es nun hinan
Und starrt hinunter auf die Flur, durchrauschet von der Lahn;
Tief ist der Abgrund, der sich hier vor seinem Auge dehnet;
Wo schwindelnd fast das arme Thier sich an die Pfeiler lehnet.

Es wagt kaum einen Tritt zu thun; doch als es seinen Herrn
Sieht kommen in dem Thale nun und ihn erkennt von Fern;
Da bellt es freudig, und die Lust, den Gönner zu erschauen
Weckt neu den Muth, den seiner Brust geraubt der Tiefe Grauen.

Und länger hat es nicht mehr Rast; auf das Gesimse schwingt
Es sich, rennt hin und her voll Hast und setzt dann an und springt,
Da mächtig es die Sehnsucht treibt, als ob der Fürst ihm riefe,
Weil ihm kein andrer Ausweg bleibt, hinunter in die Tiefe.

Ob es die Sennen auch zerschellt, es schwimmt noch durch die Fluth,
Läuft auf den Fürsten zu und bellt und wedelt wohlgemuth;
Doch kaum hat es ihn nun erreicht und reckt vor ihm die Glieder,
Die freundlich kosend er ihm streicht, da sinket todt es nieder.

Gerührt von solcher Liebe, ließ der Fürst gern zu den Plan,
Sein Bild zu konterfein, und wies ihm jene Stelle an,
Wo aufs Gesimse kühn das Thier hernieder sich geschwungen
Und aus dem luftigen Revier hinunter war gesprungen.

Und, wie die Mitwelt einst, so kann, aus Sandstein ausgehaun,
Noch heute dort der Wandersmann sein Bild als Denkmal schaun,
Zum Zeichen, daß stets unbelohnt die Liebe und die Treue,
In welcher Hülle sie auch wohnt, hier doch nicht Blumen streue.

Auch kündet gerne jeder Mund ihm jenes Herrschers Lob,
Der beide stets in treuem Bund verehrte und erhob,
Dem seines Landes Dank die Bahn mit Kränzen reich bestreute,
So lang sich an dem Strand der Lahn der Frühling ihm erneute.

Gar herrlich ward der schöne Spruch in seinem Walten wahr,
Den eitel nicht das heilge Buch dem Edlen leget dar,
Der, wenn dem unvernünftgen Thier er sein Erbarmen schenket,
Vor allem auch, der Schöpfung Zier, der Menschheit liebend denket.

Und weil er war mit Leib und Seel dem Volke zugethan,
So sah auch nie ein Auge scheel den kleinen Liebling an;
Denn schöner war, als Stein und Erz, das Denkmal, das so traute
Dem Volke in das eigne Herz des Fürsten Milde baute.


Quelle:
Nassau in seinen Sagen, Geschichten und Liedern
fremder und eigner Dichtung
von Aloys Henninger
Dritter Band
Die Lahn und der Westerwald
Wiesbaden
Druck und Verlag A. Scholz, 1845

Die Abschrift erfolgte nach einem bei der Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt vorhandenen Druckexemplar.


Biografisches

Der Verfasser des Gedichts "Das Hundchen des Fürsten", Aloys Henninger (auch Alois, Pseudonym "der Taunide"), wurde am 30.10.1814 in Stierstadt/Nassau als Sohn eines Elementarschullehrers geboren.

Von 1831 - 1835 besuchte er das Gymnasium in Weilburg und studierte dann in Tübingen Theologie.

Nach dem Tod des Vaters (1840) unterrichtete er als Privatlehrer in Winkel und Boppard, musste bald aber schon krank in die Heimat zurückkehren. Es folgten einige Jahre mit Leiden physischer und psychischer Natur, bis er dann mit Hilfe staatlicher Unterstützung in Gießen das Studium der Philologie aufnahm.

Danach fand er eine Anstellung als Realschullehrer in Diez, aus der er aber 1848 wegen seiner politischen Haltung entlassen wurde. Aufgrund seiner Verheiratung war aber der Lebensunterhalt für ihn und die Familie gesichert und er konnte die finanziellen Mittel noch vermehren, indem er eine private Lehranstalt in Oberursel errichtete und in der Redaktion des von ihm gegründeten Lokalblatts "Der Taunusbote" tätig war. Henninger wurde dann auch Lehrer am Frankfurter Institut Dr. Heyden. Die guten Zeiten hielten aber nicht lange an, denn seine Frau verließ ihn mit den drei Kindern.

Aloys Henninger ging nach Heddernheim wo er als Privatier lebte und sich literarisch beschäftigte. Er starb nach längerem Leiden am 30.06.1862.

Henninger veröffentlichte u. a.:
"Nassau in seinen Sagen, Geschichten und Liedern fremder und eigener Dichtung", Wiesbaden 1845;
"Das Herzogthum Nassau in malerischen Originalansichten .....",
Darmstadt 1842 (1853, 1862);
Sagen, Geschichten und Lieder aus Gießen und seiner Umgebung",
Gießen 1848;
"Die Frauennamen nach ihrer Wortbedeutung. Poet. Album für das schöne Geschlecht", Frankfurt 1851
und zahlreiche Beiträge in Almanachen und Zeitschriften.

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Quelle:
Brümmer, Franz
Deutsches Dichterlexikon
Nachtrag 1877
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