Literarisches Weilburg

Weilburger Sagen

Das Ende der Welt

Das Ende der Welt suchte die Menschheit im Verlauf ihrer Geschichte schon an vielerlei Orten, und es gab viele Versuche diesen Ort zu erreichen. Und noch häufiger gab es Vermutungen darüber, an welchem Ort sich das Ende der Welt befinden möge.

Die nachstehende Sage wurde von Otto Stückrath erzählt. Und weil sich dieser Sage zufolge das Ende der Welt nahe Weilburg findet, passte seine kurze Nacherzählung in die Anthologie Weilburger Dichtungen meiner Homepage.

"Das Ende der Welt"

Der Schneidermeister Lorenz Steckerod in Weilburg, der aus Gießen zugewandert war und eine Weilburger Meisterswitwe geheiratet hatte, war ein gewitzter Mann. Er hatte sieben Buben, die alle auf den Schneider studierten. Davon waren schon vier in der Fremde gewesen, hatten dann wieder bei dem Vater um Arbeit vorgesprochen oder waren irgendwo Meister geworden. Nun kam der fünfte Bub, der August, an die Reihe. Der war ein richtiger Dreidraht, der am liebsten daheim geblieben wäre. Aber der Vater wollte das nicht; gewandert mußte werden. So bekam er denn sein Bündel geschnürt, einen Zehrpfennig in die Tasche und wurde verabschiedet.

Betrübt ging er die Straße entlang und traf die alte Großmutter Simonin, die ihn fragte, wohin der Weg gehen sollte. "Ans End' der Welt!" sagte August betrübt und ingrimmig, "Großmutter, ich glaube, ich komme nie mehr wieder nach Weilburg." "Ach," lachte die alte Simonin, wenn du bis ans End' der Welt gehst, so bring mir ein Spänchen von einem der Bretter mit, mit denen die Welt zugenagelt ist!" Damit drückte sie ihm einen blanken Goldgulden in die Hand und ging lachend ihrer Wege.

Nun blieb dem August nichts übrig, als gute Miene  zum bösen Spiel zu machen. Er stelzte seine Straße, und weil ihm das Gehen auf der Landstraße zu langweilig wurde, schlug er bald diesen, bald jenen Nebenweg ein. So verhaspelte er sich ganz gründlich in der Gegend und kam am späten Nachmittag an den Bretterzaun des Braunfelser Tiergartens. Er guckte ihn eine Weile an, zog dann sein Messer und schnitt bedächtig einen Span aus einem der Bretter. "Ei," sagte er, "das hätte ich nicht gedacht, daß ich so bald schon an das Ende der Welt käme!" Setzte sich damit auf einen Baumstumpf und aß vergnügt seine Wegzehrung.

Dann wandte er dem Zaun fröhlich seinen Rücken und ging wieder dahin, woher er gekommen war. Als er am späten Abend der Großmutter Simonin den Holzspan verehrte, und ihr erzählte hatte, wo er gewesen war, da nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn dem Vater zu. Und ihr Mundwerk ging dabei so geschmiert, daß der Vater den Weltreisenden nicht ausschimpfte, sondern sagte: "Wer bis dahin wanderte, wo die Welt mit Brettern zugenagelt ist, der mag ruhig in Weilburg ein Schneider sein!" Und so wurde der August Steckerod Schneidermeister in Weilburg.


Quelle:
Nassauischer Sagenborn
von Otto Stückrath,
Heimatschollen-Verlag,
A. Bernecker, Melsungen,
1924