Literarisches Weilburg

Stadt und Lahn

Die Lahn

"Die Lahn"
(von Aloys Henninger)

Nicht durch des Liedes stolzen Klang,
Verherrlicht in den Nibelungen,
Nicht durch der Dichter Wettgesang,
Wie König Rhein, von Ruhm umklungen:
Nein, schlichten Wesens, schöne Lahn,
Wallst du bescheiden deine Bahn!

Doch welcher Lorbeer wäre dein,
Wenn du nach Ehre würdest dürsten!
Hat dir dein Deutschland nicht allein
Zu danken deinen Dichterfürsten,
Ihn, der zu deinem Ufer trat
Und dein Orakel sich erbat?  *)

Und schmücken stolze Burgen nicht
Und Dome hehr auch dein Gestade,
Und ziert ein Land, selbst ein Gedicht,
Nicht reizend deines Laufes Pfade,
Ein Land, das dir sein Herz erschließt
Und reich mit Segen dich umsprießt?

Allein nach Ruhm nicht dürstest du,
Du willst behüten nur, beglücken,
Und eilst dem stolzen Strome zu,
Im stillen Busen das Entzücken:
"Viel schöner, als allein zu stehn,
Ist's mit dem Großen untergehn!


Quelle:
Hessen im Munde der Dichter
Vaterländische Dichtungen alter und neuer Zeit für
Schule, Haus und Heer im Großherzogtum Hessen
gesammelt und herausgegeben von
Alfred Börckel und Philipp See
Mainz 1907
Druck und Verlag von Philipp von Zabern

Die Abschrift erfolgte nach einem bei der Hessischen Landesbibliothek Wiesbaden vorhandenen Druckexemplar.


*) Die Anspielung Henningers auf das Orakel an Goethe bezieht sich auf eine Episode während einer Wanderung Goethes entlang der Lahn, die dieser in seinen Lebenserinnerungen wie folgt beschreibt:

Ich wanderte auf dem rechten Ufer des Flusses, der in einiger Tiefe und Entfernung unter mir, von reichem Weidengebüsch zum Teil verdeckt, im Sonnenlicht hingleitete. Da stieg in mir der alte Wunsch wieder auf, solche Gegenstände würdig nachahmen zu können. Zufällig hatte ich ein schönes Taschenmesser in der linken Hand, und in dem Augenblick trat aus dem tiefen Grunde der Seele gleichsam befehlshaberisch hervor: ich sollte dies Messer ungesäumt in den Fluß schleudern. Sähe ich es hineinfallen, so würde mein künstlerischer Wunsch erfüllt werden; würde aber das Eintauchen des Messers durch die überhängenden Weidenbüsche verdeckt, so sollte ich Wunsch und Bemühung fahren lassen. So schnell, als diese Grille in mir aufstieg, war sie auch ausgeführt. Denn ohne auf die Brauchbarkeit des Messers zu sehn, das gar manche Gerätschaften in sich vereinigte, schleuderte ich es mit der Linken, wie ich es hielt, gewaltsam nach dem Flusse hin. Aber auch hier mußte ich die trügliche Zweideutigkeit der Orakel, über die man sich im Altertum so bitter beklagt, erfahren. Des Messers Eintauchen in den Fluß ward mir durch die letzten Weidenzweige verborgen, aber das dem Sturz entgegenwirkende Wasser sprang wie eine starke Fontäne in die Höhe und war mir vollkommen sichtbar. Ich legte diese Erscheinung nicht zu meinen Gunsten aus, und der durch sie in mir erregte Zweifel war in der Folge schuld, daß ich diese Übungen unterbrochner und fahrlässiger anstellte und dadurch selbst Anlaß gab, daß die Deutung des Orakels sich erfüllte. Wenigstens war mir für den Augenblick die Außenwelt verleidet; ich ergab mich meinen Einbildungen und Empfindungen und ließ die wohlgelegenen Schlösser und Ortschaften Weilburg, Limburg, Diez und Nassau nach und nach hinter mir, meistens allein, nur manchmal auf kurze Zeit mich zu einem andern gesellend.

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Quelle:
Joh. Wolfgang v. Goethe
Aus meinem Leben
Dichtung und Wahrheit
13. Buch
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Biografisches

Biografisches zu Aloys Henninger finden Sie auf der Seite mit der Ballade "Das Hundchen des Fürsten".