Literarisches Weilburg

Stadt und Lahn

Die neuen Bekenntnisse

"Die neuen Bekenntnisse"
(von William Boyd)

Von William Boyd erschien 1989 im Paul Zsolnay Verlag, Wien/Darmstadt, der Roman "Die neuen Bekenntnisse", Übersetzung aus dem Englischen von Friedrich Griese. Darin überträgt Boyd die Autobiografie "Die Bekenntnisse" von Jean Jacques Rousseau auf die Lebensgeschichte eines Filmschaffenden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die Verbindung des Romans mit Weilburg entsteht daraus, dass der Ich-Erzähler als  Kriegsgefangener im ersten Weltkrieg in Weilburg in der "Alten Kaserne" einsitzt. (Die "Alte Kaserne" in der Hainallee, auch "Hainkaserne", wurde als Offiziersgefangenenlager tatsächlich von 1915 - 1918 genutzt.) Für den Gefangenen gibt es allerdings keinerlei Verbindung zur Stadt oder zum Umland. Möglich ist ihm nur der Blick aus dem Zellenfenster zur "steil abfallenden Schlucht, auf deren Grund die Lahn floß". Aber in der Abgeschiedenheit und Eintönigkeit seiner Kriegsgefangenschaft in Weilburg geschieht etwas Wesentliches: Der Wachsoldat Karl-Heinz verschafft dem britischen Soldaten die Biografie von Rousseau "Die Bekenntnisse" und die lebenslange Freundschaft zwischen dem späteren Schauspieler und dem Drehbuchautor und Regisseur wird begründet.

Fiktiver Autobiograf in Boyds Roman ist der 1899 in Edinburgh geborene John James Todd. Im I. Weltkrieg meldet er sich als Freiwilliger in die Armee und nimmt an der Schlacht bei Ypern teil. Ein zufälliges Zusammentreffen mit dem Ehemann seiner Tante, von dem er lange Jahre geglaubt (und gehofft) hatte, dass dieser sein Vater sei, ermöglicht ihm als Kameramann und Kriegsberichterstatter zu arbeiten. Während er Filmaufnahmen aus einem Beobachtungsballon dreht reißt die Halteleine, der Ballon treibt ab und Todd gerät in Kriegsgefangenschaft. Wegen seines unklaren Status in der Armee wird Todd in das Offiziersgefangenenlager der alten Kaserne nach Weilburg verbracht.

Hier erhält er durch Tausch seiner Lebensmittel über den Wachsoldaten Karl-Heinz eine englische Ausgabe der Rousseauschen Autobiografie "Die Bekenntnisse". Von diesem Buch schreibt der Autobiograf, dass es ihn "bildlich gesprochen, aus der Gefangenschaft befreite." Nach einem halben Jahr Aufenthalt als Kriegsgefangener in der alten Kaserne wird Todd nach Mainz verlegt. Zuvor hatte er dem Wachsoldaten das Versprechen abgenommen, nach Kriegsende mit ihm Verbindung aufzunehmen.

Nach dem Krieg kehrt Todd nach England zurück und arbeitet dort als erfolgreicher Kameramann und Regisseur. Als die Filmfirma pleite geht und Karl-Heinz, sein ehemaliger Bewacher, sich tatsächlich aus Berlin meldet, geht Todd, inzwischen verheiratet und Vater, allein nach Berlin. Zu Beginn schlägt er sich dort mit Aushilfsjobs durch, findet dann aber eine Anstellung als Kameramann und steigt bald zu einem gefeierten und bekannten Regisseur auf.

Inzwischen lebt auch seine Familie in Berlin, doch Todd verliebt sich bald in eine gefeierte Filmschauspielerin, weshalb seine Frau später mit den Kindern nach London zurückkehrt. Zu dieser Zeit beginnt er das große Filmprojekt einer dreiteiligen Verfilmung der Rousseauschen Autobiografie "Die Bekenntnisse" und erringt wegen seiner technischen Neuerungen und Perfektion schon während der Dreharbeiten weitere Anerkennung. Karl-Heinz spielt in den Bekenntnissen die Rolle des jungen Rousseau.

Der erste Teil der Bekenntnisse gelangt 1931 zur Aufführung. Inzwischen aber hat der Tonfilm seinen Siegeszug angetreten und die Auswirkungen des finanziellen Zusammenbruchs in Amerika erreichen auch Berlin. Als 1934 die Filmfirma in Konkurs geht, zerschlagen sich alle Pläne zur Verfilmung des zweiten Teils. Todd wird von seiner Geliebten verlassen und geht 1934 nach London.

Dort willigt Todd in die von seiner Frau gewollte Scheidung ein. Er dreht einen Film und plant die Verfilmung des zweiten Teils der Bekenntnisse. Die Zusage eines Produzenten zu dieser Verfilmung wird jedoch nicht eingehalten und enttäuscht zieht sich Todd nach Schottland in die Einsamkeit zurück. 1937 missglückt der Versuch über seinen - im Bankgeschäft tätigen - jüngeren Bruder das Startkapital für die Verfilmung seines Projekts aufzutreiben und Todd geht nach Los Angeles.

In der dortigen Emigrantenszene, die durch die amerikanische Filmindustrie unterstützt wird, findet Todd ein bescheidenes Auskommen. Als 1939 der zweite Weltkrieg entbrennt, hält sich Todd in Mexiko auf, um beim dortigen amerikanischen Konsulat eine Verlängerung seiner Aufenthaltsgenehmigung für die Vereinigten Staaten zu erhalten. Er bekommt diese Verlängerung jedoch nicht und muss unter ärmlichsten Verhältnissen sein Leben bestreiten.

Nach der Heirat mit einer Amerikanerin in Tijuana kann Todd mit seiner Frau 1940 wieder in die Staaten einreisen; sechs Monate später wird die Ehe wieder geschieden. In Hollywood findet Todd eine Anstellung als Kameramann und Regisseur und dreht mehrere Western. Er kann seine ehemalige Geliebte ausfindig machen, beide aber wissen, dass es ein Zusammenleben nicht mehr gibt. Anfeindungen in der Presse führen Todd zu Überlegungen als Kriegsteilnehmer nach England zurückzukehren. Tatsächlich kommt es 1944 zu seiner Rückkehr nach Europa als Kriegsberichterstatter für einen amerikanischen Zeitungsverlag. In Südfrankreich wird Todd irrtümlich von einem britischen Soldaten angeschossen und schwer verletzt, weshalb er in ein Washingtoner Militärhospital überführt wird.

Auf Grund eines Hilfeschreibens seines Freundes Karl-Heinz (des  ehemaligen Wachmanns im Gefangenenlager in Weilburg) kehrt Todd 1946 als Journalist des amerikanischen Zeitungsverlags in das zerstörte Berlin zurück. Dort gelingt es ihm Karl-Heinz ausfindig zu machen und später mit ihm nach Schottland auszureisen.

1948 sind Todd und Karl-Heinz wieder in Los Angeles und der Drehbeginn für den dritten Teil der Bekenntnisse wird geplant. Es beginnt aber die Zeit der Kommunistenhatz unter Mc Carthy und Todd wird in Listen genannt, die angebliche kommunistische Sympathisanten verzeichnen. Er wird vor den Kongressausschuss für staatsfeindliche Umtriebe geladen. Zwar kann man Todd keine entsprechenden Aktivitäten nachweisen, aber sein Name wird weiterhin auf schwarzen Listen geführt. Die Folge ist der Verlust seiner Arbeit und fast alle Freunde und Förderer wenden sich von ihm ab.

Erst 1958 und nur unter einem Pseudonym ist es Todd wieder möglich einen Film zu drehen. Er schreibt das Drehbuch und ist Regisseur des Films "The Last Walk of Jean-Jaques Rousseau". Karl-Heinz verkörpert wieder Rousseau und Todd verwendet Sequenzen aus den Bekenntnissen Teil I. Kurz nach Abschluss der Dreharbeiten stirbt Karl-Heinz. Die Premiere soll 1960 stattfinden, doch am Premierentag wird das Kino bestreikt und die Aufführung des Films verhindert.

Todd wird weiter von einem FBI-Agenten, der einen persönlichen Rachefeldzug gegen ihn führt, beschattet und Todd veranlasst durch ein Missverständnis dessen Tötung. Er verlässt Amerika und versteckt sich auf einer Insel im Mittelmeerraum.

Dort endet der Roman Anfang der 1970er Jahre. Einverstanden mit allen Wegen, die ihn sein Schicksal noch führen wird, schließt Todd seine Erinnerungen: "Schließlich leben wir doch im Zeitalter der Unbestimmtheit und der Unvollständigkeit. John James Todd sage ich mir, endlich befindest du dich im Einklang mit dem Universum."


Leider hat der Verlag Paul Zsolnay in Wien nicht meiner Bitte entsprochen, einen Textauszug aus dem Roman von William Boyd auf meiner Website zu veröffentlichen. Ich hatte um die Erlaubnis zur Veröffentlichung der Seiten 182 - 195 des Kapitels "Die Bekenntnisse" gebeten, worin der Erzähler die Zeit seines Aufenthalts in Weilburg und sein Zusammentreffen mit dem Wachsoldaten Karl-Heinz beschreibt, der ihm die Rousseausche Autobiografie "Die Bekenntnisse" verschafft. Abgelehnt wurde mir die Erlaubnis mit dem Hinweis, "dass wir dies aus grundsätzlichen Erwägungen bei privaten Homepages leider nicht genehmigen können."

Im Januar 2012 erfolgte eine Neuauflage des Romans als Taschenbuch (560 Seiten) im Verlag Bloomsbury, ISBN-10: 3833307994 und ISBN-13: 978-3833307997.

Falls Sie Informationen zu diesem Kapitel des Buches wünschen, so bitte ich Sie mir zu schreiben.


Foto von William Boyd

William Boyd
(Bildquelle:http://www.britishcouncil.de/d/recent/boyd05.htm)

Biografische Angaben:

William Boyd wurde am 07.03.1952 als Sohn eines schottischen Arztes in Accra (Ghana) geboren. Seine Kindheit verlebte er abwechselnd in Nigeria und englischen Internaten. Er besuchte u. a. die Gordonstown School, die Glasgow University und das Jesus College, Oxford. Boyd studierte Anglistik in Oxford, lehrte am dortigen St. Hildas College zeitgenössische Literatur und arbeitete als Lektor. Boyd lebt heute in London und veröffentlichte Romane, Drehbücher, Hörspiele und Kurzgeschichten.

 

Bibliografie (Englisch):
  • A Good Man in Africa, 1981
  • On the Yankee Station and Other Stories, 1981
  • An Ice-Cream War, 1982
  • Stars and Bars, 1984
  • School Ties, 1985
  • The New Confessions, 1987
  • Brazzaville Beach, 1990
  • The Blue Afternoon, 1993
  • The Destiny of Natalie 'X' and Other Stories, 1995
  • Armadillo, 1998
  • Nat Tate: An American Artist 1928-1960, 1998
  • Any Human Heart, 2002
  • Fascination, 2004
  • Bamboo, 2005
Bibliografie (Deutsch):
  • Die neuen Bekenntnisse
  • Armadillo
  • Zum Nachtisch Krieg
  • Unser Mann in Afrika
  • Die blaue Stunde
  • Stars und Bars
  • Brazzaville Beach
  • Eines Menschen Herz, 2005
Preise und Auszeichnungen:
  • 1981, Whitbread First Novel Award: A Good Man in Africa
  • 1982, Booker Prize for Fiction: An Ice-Cream War
  • 1982, Mail on Sunday/John Llewellyn Rhys Prize: An Ice-Cream War
  • 1982, Somerset Maugham Award: A Good Man in Africa
  • 1990, James Tait Black Memorial Prize: Brazzaville Beach
  • 1991, McVitie's Prize for Scottish Writer of the Year: Brazzaville Beach
  • 1993, Sunday Express Book of the Year: The Blue Afternoon
  • 1995, Los Angeles Times Book Prize: The Blue Afternoon
  • 2004, International IMPAC Dublin Literary Award: Any Human Heart
  • 2005, Ehrenorden "Commander of the British Empire" (CBE)