Literarisches Weilburg

Stadt und Lahn

Menschen und Städte an Neckar, Lahn und Main

"Menschen und Städte an Neckar, Lahn und Main"
(von Dr. Roger Pilkington)

Von Dr. Roger Pilkington erschien 1980 in "Koehlers Verlagsgesellschaft mbH, Herford, Die Brigantine" (heute "Verlagsgruppe Köhler/Mittler, Koehlers Verlagsgesellschaft, Striepenweg 31, 21147 Hamburg, http://www.koehler-mittler.de) die 2. Auflage des obigen Buchtitels mit Illustrationen von David Knight. Der Band beinhaltet zum größten Teil Auszüge aus Büchern des Verfassers, die in England unter den Titeln "Small Boat to Bavaria", "Small Boat through Germany" und "Small Boat on the lower Rhine" bei "Mc. Millan & Co. Ltd., London," erschienen sind.

Die Übersetzung des zweiten Buchkapitels aus "Menschen und Städte an Neckar, Lahn und Main", aus dem hier der kurze Weilburg betreffende Abschnitt zitiert wird, s. u., besorgte Konteradmiral a. D. Hans-Rudolf Rösing.

Das Buch ist ein poetischer Reisebericht über die von Pilkington unternommenen Fahrten mit der Motorbarkasse "Commodore" auf Neckar, Lahn und Main. Als die 1. Auflage erschien schrieb die "Frankfurter Rundschau": ". . . Pilkingtons Reisebericht liest sich, als habe hier ein neuer Byron Deutschland entdeckt. Was entstand, ist nicht nur die Schilderung einer ungewöhnlichen Reise, sondern auch ein Brevier der Reisephilosophie, das in unserer Zeit ohne Beispiel dasteht."

Pilkingtons Reisebeschreibung "Menschen und Städte an Neckar, Lahn und Main" ist leider vergriffen und im Buchhandel nicht mehr erhältlich. Nachstehend wird der sich auf Weilburg beziehende Textabschnitt aus dem 2. Kapitel, Seiten 114-118, von R. Pilkingtons Reisebeschreibung auf der Grundlage der o. g. Auflage zitiert.

"Weiter den Fluß aufwärts barg die Lahn noch weitere Schätze — Marburg, die liebenswerteste aller deutschen Universitätsstädte; Runkel, wo die herrliche Burg über das Wehr und die Schleuse hinwegblickt, eine Feste, von der es heißt, sie sei von einem Ritter im Heere des mächtigen Roland gebaut worden. In der Schlacht am Paß von Roncevalles in den Pyrenäen verwundet, so die Geschichte, fand er an dieser Stelle der Lahn einen Fleck, der dem Ort der Schlacht dermaßen ähnelte, daß er sich hier niederließ. Braunfels, eine andere zauberhafte Stadt mit Burg über dem Fluß; Wetzlar, Heimat der Leica und Wohnsitz Goethes; Weilburg, wo Blanchard versuchte, Seine Hochedle Exzellenz, den Grafen von Weilburg, per Luftballon zu besuchen; als er aber gerade seinen Anker auf die Wiese geworfen hatte, schnitt ihn ein hilfsbereites Kind, das glaubte, er habe sich nur zufällig mit seinem Anker verhakt, wieder los — alle diese Stellen könnte man mit einem Paddelboot besuchen und ein paar von ihnen mit einem Boot, das weniger Tiefgang hat als der „Commodore", aber weil sie ihr unerreichbar waren, werde ich sie bis auf eine in diesem Buch unbesucht lassen. Nur im Falle von Weilburg muß es eine Ausnahme geben, denn die Stadt hat etwas in Deutschland Einmaliges, einen Schiffstunnel. In der Tat geht die Kurverwaltung von Weilburg (der Ort ist, so sagt sie, gut für Magen und Darm, Leber und Gallenblase, Nieren, Blase, Krankheiten der Atemwege und Gicht) soweit zu behaupten, er sei nicht nur der erste in Europa erbaute Schiffstunnel, sondern es gäbe außer ihm nur noch einen anderen. Das ist alles Unsinn, denn der „Commodore" ist selber durch mehr als mindestens ein Dutzend Tunnel gefahren, und die meisten bestanden schon lange, bevor man an den von Weilburg auch nur dachte; allein in London gibt es mehrere. Aber der Tunnel existiert wirklich; man gelangt über eine zweistufige Schleuse zu ihm.

Die Frage ist, warum es den Tunnel überhaupt gibt. Weilburg selbst ist eine schöne kleine Stadt, dicht in eine Flußschleife gepackt und auf einem großen Felsklotz stehend, der genügend Raum bietet für all die Pracht des Palais der Grafen von Nassau-Weilburg, mit Terrassen und Ställen, Marktplatz und Kapelle, Triumphbogen, Postamt und Brücken, ummauerten Gärten, Springbrunnen, baumbestandenen Alleen und Orangerien, alles von untadeligem Geschmack. Es kann kaum billiger gewesen sein, zwei Schleusen zu bauen und den Tunnel mitten durch den Berg zu treiben, als nur zwei Schleusen, und die Schiffahrt dem Flußlauf folgen zu lassen. Daher fragten wir eine Reihe von Leuten, die mir Weilburg, den Herzögen und Grafen von Nassau oder mit den Wasserstraßen zu tun hatten, sie möchten uns erklären, warum man so etwas gemacht habe.

Die Antworten waren verschieden genug. Einer behauptete, es sei eine Abkürzung; ein anderer brachte die schon eher einleuchtende Vermutung vor, der letzte Herzog von Nassau habe nicht gewünscht, daß die beste Aussicht vom Palais durch einen in der Ferne vorüberfahrenden Kahn verunstaltet würde; ein dritter wollte uns einreden, der Herzog habe den Tunnel nur deshalb bauen lassen, weil niemand sonst einen hatte. Ein vierter Gedanke, der wiederum einiges für sich hatte, war, daß die Grenzlinie zwischen dem Herzogtum und dem nicht zu ihm gehörenden Gebiet auf der Flußmitte lag, und wegen gewisser natürlicher Hindernisse konnte ein Schiff den Bogen des Flusses nicht durchfahren, ohne gezwungen zu sein, an den benachbarten Kleinstaat Zoll zu zahlen. Nicht gewillt, unmittelbar vor der eigenen Tür zur Kasse gebeten zu werden, baute der Herrscher von Weilburg verständlicherweise den Tunnel — vermutlich zu Kosten, die um ein Vielfaches höher lagen als die Zölle. Und dieser Erklärung war ich am meisten beizupflichten geneigt.

Das wirklich Gefährliche bei einem Fluß wie der Lahn ist, daß sie so verführerisch ist; daß man wochenlang glücklich und zufrieden an der Pier von Limburg oder am Ufer oberhalb der Schleuse von Scheidt liegen und die unverfälschte Lieblichkeit des friedlichen Tales in sich hineintrinken kann. Aber wir dürfen den „Commodore" nicht zu faul werden lassen, und darum muß er uns nun geschwind nach Lahnstein zurückbringen; wir winken dem Schleusenwärter freundlich zu, drehen mit hart Backbordruder in die mächtige Strömung des Rheins ein, und der „Commodore" muß sich nun zwei Tage lang gegen den Strom boxen, bis am Ende farbiger Rauch in Sicht kommt und die Luft erfüllt ist von dem Dunst und dem Geruch von Ludwigshafen an Steuerbord- und Mannheim an Backbordseite. Hier kann der Leser wieder an Bord springen, just wenn der „Commodore" sich der Mündung des Neckars nähert."

Dr. Roger Pilkington ist Cambridge-Absolvent und studierte auch in Freiburg. Er ist Verfasser wissenschaftlicher Werke, von Kinderbüchern und Reiseliteratur.