Literarisches Weilburg

Stadt und Lahn

Konradstein

"Konradstein"
(von Ernst Bertram)

Die Erzählung "Konradstein" von Ernst Bertram erschien 1951 im Insel-Verlag, Berlin. Wie Bertram im Vorsatz des 121-seitigen Büchleins angibt, begann er die Erzählung am 18. Mai 1934 und schrieb sie in den Jahren 1935 bis 1938. Der Anfang liegt damit weniger als einen Monat vor dem Tod seines Freundes Dr. phil. Ernst Glöckner aus Weilburg. Mit dem Weilburger Privatgelehrten Glöckner war Bertram fast 30 Jahre befreundet und diese Freundschaft war Grund für viele Aufenthalte Bertrams in Weilburg. Nach Glöckners Tod kam er wiederum für einige Wochen nach Weilburg, diesmal um dort dessen Nachlass zu ordnen. Die in den Folgejahren verfasste Erzählung ist als Widmung für den verstorbenen Freund anzusehen.

In der als Brief an einen Freund gestalteten Erzählung "Konradstein" erweist der Ich-Erzähler seinem verstorbenen Freund mit der Sichtung und Ordnung dessen Nachlasses  den gleichen Dienst wie Bertram dem verstorbenen Glöckner. Er hält sich für einige Wochen in Konradstein auf, um dort den Haushalt des verstorbenen Bergmeisters aufzulösen und die Abwicklung des Nachlasses zu regeln. Während dieses Aufenthalts streift der Erzähler durch das Städtchen und die Umgebung, dem fernen Freund von diesen Spaziergängen und seinen Eindrücken berichtend und seine Gedanken, Ahnungen und Erinnerungen mitteilend.

Hinter dem fiktiven Ortsnamen Konradstein am Fluss Walda (= Lahn) verbirgt sich die reale Kleinstadt Weilburg an der Lahn vor dem zweiten Weltkrieg. Konradstein (= Weilburg) steht für die bürgerlich-ideale und kleinstädtische, vom Untergang bedrohte Welt. Seine Ahnungen und Befürchtungen vom bevorstehenden Untergang dieser Welt lässt er seinen Erzähler kundtun. Ob er diesen Untergang nur auf der kulturhistorischen Ebene sah oder doch auch politisch, ist dabei nicht entscheidend. Durch den Verlauf der Geschichte wissen wir heute, dass der von Bertram befürchtete Untergang zwischen 1933 und 1945 in vielfacher Hinsicht Realität wurde.

Insgesamt ist die Erzählung mit einer sehr in die Vergangenheit gewandten Perspektive verfasst, auch wenn der Verfasser auf dem Einband seinem Wunsch Ausdruck verleiht, dass wir nicht ". . .  rückwärts gewandten Sinnes verweilen, sondern das große Erbe ehrfürchtig in die Zukunft tragen." Vorherrschend ist auch eine pessimistische Grundstimmung bezüglicher moderner Entwicklungen  ". . . was wird, sage du mir, aus der vorherigen Besinnlichkeit und hohen Kraft des Einversenkens, nach dreißig Jahren Rundfunk, Fernsehen, uniformierter Zeitung?" (S. 94). Nur die Weilburger Zeitung findet seine Zustimmung wegen ihrer "sympathischen Form des kleinen Amtsblattes." (S. §4). Es überwiegt aber Bertrams Skepsis gegenüber der "Maschinenhölle" und den "Maschinensteppen".

Nachstehend werden einige der Textpassagen aus Bertrams Erzählung zitiert, die sich auf Weilburg oder seine Umgebung beziehen. Diese Zitate wurden unverändert übernommen aus:

Konradstein
Erzählung
Ernst Bertram
Insel-Verlag, Zweigstelle Wiesbaden, 1951

"Dies Konradstein ist eine gut verborgene Stadt, und also wird es wohl eine weise Stadt sein. Von der Bahn aus sieht der Reisende nichts von ihr, der den Schrecken einer herrlich fernen Hauptstadt ungeduldig zujagt. Nichts, außer zwei kürzesten Blicken auf karge Schiefervorstadt und, hoch über den goldgeländerten Terrassen, den Turm von St. Walpurgis, mit der barocken Fortuna als Wegweiserin. Alle andern Städte und Städtchen an der sanft dahinzögernden Walda zeigen sich dem Vorübergleitenden stolz als wahrhaftige Merianbilder, immer noch, trotz allen Selbstzerstörungen des Jahrhunderts. Aber unser Konradstein (ich sage schon "unser") bewahrt sich dem Wanderer auf, der alle Eile abgelegt hat und ruhig aussteigt, an dem kleinen blumenbunten Bahnhof, die König-Konrad-Straße entlang zur grausilbrigen Brücke zu wandern, - das alte "Meißner Schatzkästlein" schon zeichnete sie ab." (S. 11).

  "Schloß Konradstein selber, die Nachfolgerin der ersten Konradinerburg, steht wunderbar zweideutig in der waldigen Landschaft, wie ein Vexierbild fast und ein Spiel mit dem Wanderer. Von der Nordseite her, wo die urgrauen Felsen sich von der kaum strömenden Walda gemächlich kühlen lassen, ist es eine ernste, ja strenge Burg. Die untersten romanischen Sockel, mit ihren kleinen Rundbögen, sehen so alt aus wie das Gestein selber, darein sie sich vor tausend Jahren einwurzelten.Von der Südseite her aber lockt den irregemachten Wanderer ein kleines Berg-Versailles mit fünf üppigen Terrassen übereinander, der verjährte Stolz eines Zwergsonnenkönigtums und ehrgeizigen Serenissimus über wenige Meilen.

 Die König-Konrad-Straße, die vom grauen Bahnhof, die träge Walda entlang, zur Steinernen Brücke und damit zur schiefrigen Altstadt hinauf geleitet, ist gewiß die unwahrscheinlichste im ganzen Gau: jenseits des Flusses, der seinem Wehr entgegenzögert, auf den vom Wald nur unwillig freigegebenen Felsen die steingraue Königsburg - über den Bogensockeln des frühen Mittelalters die Wände, Erker und Giebel der Lutherzeit und die schönkurvigen Dächer des Barock." (S. 12)

 Die schwerbogige alte Steinbrücke über die Walda, mit ihren vorgebauten Eisbrecherpfeilern, sie wurde mir gleich so besonders lieb. Sie steht schon auf den ältesten Holzschnitten, noch vor Merian. man muß sich dort freilich gefallen lassen, daß das Wehr der Walda mit umgekehrter Stromrichtung gezeichnet ist: was aufwärts gerichtet ist, scheint dort abwärts gehend, und umgekehrt." (S. 13).

Dieser Tage besuchten wir - Friedrich hatte es in seiner unermüdbaren Freundlichkeit vermittelt - die jüngst erst aufgefundene Gruft unterhalb der Walpurgiskirche. Ihrer Gründung in den ersten Anfängen des zehnten Jahrhunderts, wo nicht im Ausgang des neunten, ist bezeugt. [. . .]

 Wir stiegen die Basalttreppe zu der erst kaum wieder zugänglich gemachten Konradinerkrypta hinab. Ein anschaudernder hauch langbegrabner Luft schlug uns Tastenden entgegen. Nur mühsam - die Lichtleitung war noch nicht gelegt  entzifferte das furchtsam gewordene Auge die vielhundertjährig verhüllten Dinge . . . (S. 15).

Und blumenliebend ist das Völklein an der Walda, das muß man sagen, besonders hier in Konradstein. Aus allen Fenstern winkt und nickt und hangt es rot und golden und blau, und die Gärtchen über der alten Stadtmauer, in der Birnbaumgasse, sind wahre kleine Paradiesgärtlein. (S. 23).

Die alte Bergmeisterei, darin ich nun für wenige Wochen hause, ist mir, auch ohne die Erinnerung an unsren "Alten vom Berg", das liebste Haus der Stadt, wenn auch die Gassenfront, gegen Norden, etwas finster und ungut kühl ist. Aber wie wunderbar entzeitet sieht man dafür aus den Südfenstern und von den vier Stufenterrassen des Gartens, die hoch über der Walda hangen, die ernsten Wälder auf dem andern Ufer und den steilen Rheingrafenstein der Argen Ley! Von dort gehen die Forsten ununterbrochen bis zu den schwarz hingedehnten Höhen des Dunkelwaldes hinauf." (S. 24).

Im Schloßgarten ergeh ich mich am liebsten. Zwei große Orangerien für die Residenzburg eines so winzigen Stäätleins! Aber gerade solche Orangerien bezeugen die Willenswut der Mächtigen von damals. [ . . . ] Und wie denn die Zwillingserlebnisse immer wieder an unserm Wege warten: auf dem alten Friedhof, einem der schwermütigsten Todesgärten, die ich sah, mit seinem Schieferfelsen über dem Tal der Walda, entdeckte ich erst heute gegen Abend einen Gingkobaum , den Gingko biloba, ganz nah bei dem gesprungenen Plattengrab unsres "Alten vom Berg", da wo der Blick hinübergezwungen wird zu dem gewaltig drohenden weißen Kreuz an der Chorseite der Heiligengrabkapelle. [. . . ]

Der Friedhofsgärtner zeigte uns noch die Heiligegrabkapelle: das Innere sieht aus wie ein karges Abbild der Aachener Pfalzkirche. Er bestand darauf, daß sie "nach dem Muster des Heiligen Grabes zu Jerusalem" erbaut sei [ . . . ] (S. 26/27).

Auf der mittleren Schloßterrasse stehen zwischen den altmodisch geschlängelten Wegen, halboffenen Rosenlauben, herzförmigen Beeten und hochstämmigen Rosenreihen zwei weiße Göttergestalten: dort ein zum tanz sich rüstender Satyr, hier ein Apollon, der Leier beraubt. Das Volk hier nennt sie nur "Adam und Eva", wie es jenen dreizackschwingenden Neptun droben auf dem Marktplatz nur als den Großen Christoffel ehrt. In der Götterlehre ist man trotz dem vierhundertjährigen Gymnasium (schöner Bau der Goethezeit!) noch ein wenig selbständig geblieben. Dem weißen Apollon, seine Beine leider ein wenig zu kurz, haben sie erst jüngst statt der verschollenen Kithara eine große gebogene Lure in die zögerne Hand genötigt. [ . . . ]

Außer der Heiligengrabkapelle gibt es noch einen andern mittelalterlichen Rundbau hier: auf dem höchsten Punkt des Alten Friedhofs, schon überschattet von den schweren Linden der Straße nach Römerstadt stehen die drei wuchtigen Kreuze eines spätgotischen Ölbergs in einem offenen zwölfseitigen Tempel, unter spitzem Hutdach. der Krist ist schon verschieden. Aber ein Engel hütet noch mit sanft flügelnder Bewegung die Seele des gläubigen Schächers: heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein!

Vor dem Mittelkreuze aber stehen, spätgotisch bewegt einander im Jammer zugeordnet, die Mutter und der Jüngling-Freund. Die roh verstümmelten Angesichter lassen noch den Schmerz erraten bei dem gehauchten Wort: Siehe, das ist deine Mutter . . , und das erste Aufblitzen des herzgehörten Auftrags: Sieh - und schreib. (S. 27/29).

Sie ist nicht so arm, diese meine Beinah-Insel. Es gibt allerlei zu entdecken, woran selbst mein Malersmann vorüberging. Eine wahrhaft adlige Arbeit, anders als der kurzbeinige Apollon mit der Lure, ist das bronzene Bildwerk auf dem "Landtor", das an der engsten Stelle der Halbinsel mit seinen Doppelpilastern und der schlichten Attika darüber eines der vornehmsten Tore ist, die ich in unseren Kleinstädten sah. (S. 30).

Das Innere des ehemals herzoglichen Schlosses, auf der Stelle von Konrads Königsburg, besuchten wir auch. das übliche Miniatur-Versailles der deutschen Kleinfürsten. Ich liebe diese Porzellan- und Spiegelkabinette zu wenig. Aber der hübsche Thronsaal ist komisch-stattliich, mit einem herzoglichen Familiengemälde voll zaghafter letzter Fürstlichkeit, die Bildergalerie ganz unterhaltend, und ein Lieblingsraum des Schloßwarts offenbar das in schönen Maßen gehaltenes Schlafzimmer, wo, im delphinengetragenen breit goldenen Prunkbett, stammend von einer Lustbarke des letzten Kurfürsten von Mainz, Napoleon, wieder einmal, geschlafen hat. (S. 31).

Fast vierhundert Jahre steht nun hier die alte Lateinschule, die erste und noch immer angesehenste des Landes. [ . . . ]

Den jetzigen Bau schuf ein Haushofmeister der frühen Goethezeit. Es ist ein vornehmer, frühklssizistischer Bau, mit schönem gebrochenen Dach; leider nur durch mißfarbenen Ölanstrich, wie so oft, für unser Auge verdorben. Die Aula im ehemaligen Komödienhause, ein alter Theater- und Konzertsaal des Hofes, ist das Beispiel eines edlen wenn auch kargen Klassizismus: Weimar scheint herüber zu strahlen. (S. 38).

Wenn du willst, ist meine Beinah-Insel sogar ein wirkliches Eiland. Denn das schmale Joch,,das die Stadt mit dem "festen Lande" verbindet, ist durchstochen von einem hundertjährigen Flußtunnel der Walda, der durch den Felsgrat geschlagen ist. Er heißt hier nur der Römerkanal, wohl wegen seiner klassizistischen Mauerformen beim Eingang und wegen der verwitterten Inschrift auf der Seite, die "zutal" führt. (S. 42).

Es regnet seit Tagen, und ich komme höchstens einmal bis in den Schloßhof, wo mir die gekuppelten Säulenarkaden einen fußtrockenen Gang zum Sinnen und Gedenken immer bereithalten. Ein Hof von schwermütigster Schönheit, der durch die Gespinste von Efeu und wildem Wein schon leise zeitlos. Die Uhr an dem kleineren Turm braucht keine Zeit mehr zu weisen. Auf dem großen Turme gegenüber, hinter der Holzgalerie für den ehemaligen Turmwächter, läutet zwar kein Glöckner mehr, bläst kein fürstlicher Trompeter die Feiertagsvorabende mehr in die Gassen und Wälder; aber ihre nun zweckentbürdete Schönheit ist vielleicht nur adliger geworden, wenn auch die Nützlinge das ungern hören. (S. 53).

Mein Lieblingsweg gegen Abend ist jetzt die wunderbare Lindenallee hinauf, die vom Landtor mit seinen Dioskuren aufwärts steil die Richtung nach Römerstadt nimmt. Die Straße steigt und steigt dort immerfort empor zwischen den goldig schattenden Riesenlinden immer weiter hinauf, in geringen Drehungen und Winkeln nur leise die Richtung ändernd. (S. 80).

Außer den Orten, die in den vorstehend zitierten Textpassagen genannt werden, finden auch das Gasthaus "Zum Lord", der Odersbacher Weg, der Tiergarten und das Kanoneneck Erwähnung.

Biografische Angaben:

Ernst Bertram wurde am 27.07.1884 in Elberfeld als Fabrikantensohn geboren. In den Jahren 1903-1907 studierte er Literatur- und Kunstgeschichte an den Universitäten in München, Berlin und Bonn. Er promovierte 1907 mit einer Arbeit über Adalbert Stifter. Danach war Bertram als freier Schriftsteller tätig sowie als Privatgelehrter. Ab 1919 lehrte Bertram an der Universität Köln deutsche Sprache und Literatur, eine Professur erhielt er 1922. Dieses Amt wurde ihm 1946 im Zusammenhang mit dem Entnazifizierungsverfahren aberkannt. In einem Überprüfungsverfahren wurde Bertram 1950 rehabilitiert. Er emeritierte 1950.

Ernst Bertram starb am 02.05.1957 in Köln. Er ist auf dem Friedhof in Weilburg neben Ernst Glöckner beerdigt.

Wie der mit ihm befreundete Ernst Glöckner gehörte Bertram dem George-Kreis an und war auch eng mit Thomas Mann befreundet. Diese Freundschaft zerbrach wegen politisch unterschiedlicher Auffassungen 1933/34.

Bibliografie (Auswahl):
  • Gedichte, 1913
  • Nietzsche. Versuch einer Mythologie, 1918
  • Rheingenius und Génie du Rhin, 1922
  • Das Nornenbuch, 1925
  • Von deutschem Schicksal, Gedichte, 1932
  • Wartburg. Spruchgedichte, 1933
  • Griecheneiland, 1934
  • Michaelsberg, 1935
  • Das weiße Pferd, 1936
  • Sprüche aus dem Buch Arja, 1938
  • Konradstein, Erzählung, 1951
  • Moselvilla. Flavus an Veranius, 1951
  • Die drei Falken, 1936
  • Der Wanderer von Milet, 1956
Preise und Auszeichnungen:
  • 1919, Preis des Nietzsche-Archivs
  • 1940, Joseph-Görres-Preis der Universität Bonn
  • 1944, Rheinischer Literatur-Preis
  • 1953, Wuppertaler Kulturpreis