Literarisches Weilburg

Stadt und Lahn

Lob des Windhofs

"Lob des Windhofs"
(von Hjalmar Kutzleb)

An dieser Statt hielt einst ein Meister stille
und sprach bei sich: "Hier ist's, hier soll erstehn
das Haus, wie es verlangt des Fürsten Wille.
Hier kann er weit die Lande übersehn,
den Wald und sein Gejaid, der Fluren Fülle,
am Hang die Stadt, der Wege Nahn und Gehn.
Ihm ziehmt's, begreift er recht des Amtes Strenge,
daß sich sein Blick im Engen nicht verenge.

Und so erhob sich freudig Tor und Wand,
den Hof umschränkten Flügel schön zum Raum,
breit sprang ins Weite der Terrasse Rand,
es reihte die Allee sich Baum an Baum,
die Schloß und Hof ins Netz der Straßen band.
Der Park verlor sich in der Wälder Saum.
Und wie ein Lied umschloß der Berge Ferne
des Tags die Erdenwelt und nachts die Sterne.

Verrauscht, was war. Vielleicht verstanden schlecht
des Schlosses Herr'n des Meisters ernstes Meinen,
behagten sich im flüchtigen Geflecht
der Ränk' und Lüste am Gemeinen, Kleinen.
Und so bezahlten sie die Schuld mit Recht.
Sie sind vorbei, ihr Schicksal dauert keinen.
Und wie sie gingen, schien das Los gefallen
auch über dieses Schlosses heitre Hallen.

Dem kahlen Nutzen ward es ausgedingt,
ihm angeflickt ward Stall und schnöder Kotter.
Indessen fault Gebälk, die Mauer springt,
die Fenster und die Türen klappern lotter.
"Der Kasten kostet mehr, als er uns bringt.
Man klopft am besten ihn zu Straßenschotter."
So faselt dumm und faul und sinnverstellt
der Krämer, dem das Hauptbuch eine Welt.

Da bricht ein neuer Geist ins Land herein
und sieht ein reich Vermächtnis fast zerschlagen
und wagt's, zu neuem Sinn dies Haus zu weihn.
Nicht einem nur soll's seine Sendung sagen,
Mannschaft um Mannschaft soll hier heimisch sein,
und was sie Hohes schaut in kurzen Tagen,
der Erde Schönheit und des Himmels Weiten,
soll sie ins Leben und ans Werk begleiten.

Ein Meister fand sich, des von einstmals wert,
der Bresch' und Fugen alle neu gedichtet.
Der Stank und Kehricht ist hinausgekehrt,
Gewölb und Mauer um und um geschichtet,
die Fenster blinken, wohnlich schmaucht der Herd.
Zum Fest versammelt sind, die es gerichtet,
und wieder wie vor lang verklungnen Jahren
empfängt das Haus den Einzug bunter Scharen.


Quelle:
"Die Hochschulmanschaft Weilburg"
Zeugnis und Bericht
herausgegeben von Friedrich Kreppel
Juni 1937
Verlag W. Crüwell in Dortmund


Die vorstehenden Zeilen dichtete Kutzleb anlässlich der am 01.07.1936 erfolgten Übergabe des wieder aufgebauten Windhofs an die Hochschule für Lehrerfortbildung.

Biografische Angaben:

Hjalmar Kutzleb wurde am 23.12.1885 in Siebleben in Thüringen als Sohn eines Kaufmanns geboren. Nach seinem 1904 in Gotha abgelegten Abitur studierte er in Leipzig und Marburg Philosophie, Germanistik, Geschichte und Geografie und beendete diese Studien 1909 mit dem Staatsexamen. Das anschließende Seminarjahr leistete er am Gymnasium in Weilburg ab. Danach war Kutzleb als Lehrer an Schulen in Guben, Berlin und Finsterwalde tätig.

Nach der Teilnahme am 1. Weltkrieg unterrichtete Kutzleb als Studienrat am Oberlyzeum in Minden (Westfalen), bis er 1935 als Dozent für deutsche Geschichte an die Hochschule für Lehrerfortbildung in Weilburg berufen wurde. Im gleichen Jahr verlegte er seinen Wohnsitz nach Weilburg. Nach der 1939 erfolgten Schließung der Weilburger Hochschule wurde er an die Hochule für Lehrerinnenfortbildung in Koblenz abgeordnet, wo Kutzleb bis 1942 lehrte.

Am 01.04.1942 kehrte Kutzleb als Studienrat an das Gymnasium Philippinum nach Weilburg zurück. Nach seiner Pensionierung (1946) war er noch bis 1949 als Dozent am Pädagogischen Institut in Weilburg tätig.

Hjalmar Kutzleb verstarb am 19.04.1959 in Celle. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof in Weilburg.

Kutzleb kam während seiner Studienzeit mit der Jugendbewegung "Wandervogel" in Kontakt und wurde einer ihrer markantesten Vertreter. Mit den Wanderutensilien der Bewegung und einer Laute unternahm Kutzleb Wanderungen abseits der Städte und begeisterte sich für das einfache Leben in unberührter Natur. Während seines ersten Aufenthalts in Weilburg als Kandidat am Studienseminar des Gymnasiums (1909) war Kutzleb Initiator zur Gründung einer Ortsgruppe des Wandervogelbundes.

Kutzleb war der Dichter eines der bekanntesten Lieder der Wandervogelbewegung; des 1911 entstandenen Liedes "Wir woll'n zu Land ausfahren". Ein Kamerad, Kurt von Burkersroda, hatte dazu die Musik geschrieben und innerhalb kürzester Zeit waren Text und Musik bekannt in ganz Deutschland und darüber hinaus. Nachstehend die erste und vierte Strophe.

"Wir woll'n zu Land ausfahren
über die Heiden breit,
aufwärts zu den klaren
Gipfeln der Einsamkeit,
lauschen, woher der Bergwind braust,
schauen, was hinter den Bergen haust,
und wie die Welt so weit.

Es blüht im Wald tief innen
die blaue Blume fein.
Die Blume zu gewinnen,
wir ziehn in die Welt hinein.
Es rauschen die Bäume, es murmelt der Fluß:
Wer die blaue Blume finden will, der muß
ein Wandervogel sein."

Weilburg, Lahn, Hjalmar Kutzleb

Hjalmar Kutzleb
(Quelle: Weilburg Lexikon, Herausgeber:
Magistrat der Stadt Weilburg, 2006

Kutzleb verfasste zahlreiche Schriften pädagogischen und zeitkritischen Inhalts. In seinen Romanen und Erzählungen verarbeitete er häufig frühgeschichtliche und archäologische Themen und regionalgeschichtliche Ereignisse oder Lebensläufe aus dem Mittelalter sowie der neueren Geschichte. Diese Veröffentlichungen waren häufig durchdrungen von einer germanisierend-nationalen Tendenz, verbunden mit einer antisemitischen Einstellung. Entsprechend wurden einige seiner Jugend- und Sagenbücher vom nationalsozialistischen Regime gefördert.

Seine manchmal humoristisch vorgetragene Zeitkritik wandte sich gegen die nationalkonservativen oder die als veraltet dargestellten bürgerlich-liberalen Einstellungen in der Weimarer Republik.

Kutzleb war u. a. auch als Herausgeber klassischer Werke z. B. von Goethe und Schiller und von Sagen tätig. Nach dem 2. Weltkrieg engagierte er sich auch in der kirchlichen Arbeit und war Vorsitzender der Dekanatssynode und Mitglied der Hessen-Nassauischen Landessynode. Dazu kam sein Einsatz für den Heimat- und Naturschutz.

Bibliografie (Auswahl):
  • Landfahrerbuch. Gedichte (1921)
  • Der Zeitgenosse. Mit den Augen eines alten Wandervogels gesehen (1922)
  • Die Söhne der Weißgerberin (1925)
  • Steinbeil und Hünengrab. Deutschland in der Vorgeschichte (1929)
  • Mord an der Zukunft (1929)
  • Schule und Erziehung. Stoffsammlung für die volksbürgerliche Arbeit (1931)
  • Zeitgenosse Linsenbarth (1940)
  • Thors Hammer. Bühnenspiel in einem Vorspiel und fünf Aufzügen (1933)
  • Morgenluft in Schilda. Roman einer kleinen Stadt (1933)
  • Der erste Deutsche. Roman Hermanns des Cheruskers (1934)
  • Arminius. Held der Teutoburger Schlacht (1935)
  • Dirk Winlandfahrer. Jugendbuch (1936)
  • Ein Paar Reiterstiefel oder Die Schlacht bei Minden (1936)
  • Das ewig närrische Herz. Erzählungen (1937)
  • Meister Johann Dietz. Der abenteuerliche Feldscher und Barbier (1938)
  • Grimmenstein. Roman (1939)
  • Fritz Vorchtenit. Die Geschichte einer Jugend (1941)
  • Pfingstweide. Roman (1942)
  • Die vergessenen Schlüssel. Novelle (1943)
  • Die Seeräuber. Zwei Erzählungen (1944)
  • Jugendpfade. Erinnerungen (1948)
  • Der Kesselbacher Brautlauf (1950)
  • Die Flucht aus Schwartenberg (1951)
  • Selim, der Goldschmied. Märchen von Morgen und Abend (1952)
  • Wanderschaft und Herberge (1953)
  • In den blauen Montag (1954)
Preise und Auszeichnungen:
  • 1936, Hans-Schemm-Preis für das deutsche Jugendschrifttum