Literarisches Weilburg

Stadt und Lahn

Der Engel auf dem Kirchturm

Wegen Renovierungsarbeiten wurden 1897 der Engel, das Kreuz und die Kuppel auf dem Kirchturm ab- und wieder aufgebaut. Die Urschrift des nebenstehenden Gedichts, das der  Weilburger Lokalpoet, der Seifensieder Christian Fernau, zu diesem Ereignis verfasste, wurde in der Kuppel hinterlegt.

Weilburg, Lahn, Turmspitze der Schlosskirche Weilburg

Turmspitze der Stadt- und Schlosskirche Weilburg

"Der Engel auf dem Kirchturm"
(von Christian Fernau)

Es schlug des Mittags Zwölf die Stunde,
Da brachte man vom Markt die Kunde:
"Nun ziehen sie den Engel auf"
Daß er zum Segen soll gereichen
Und unsrer Stadt die Winde zeigen
Von nun an in der Zeiten Lauf

Das Kreuz, die Kuppel wird gezogen
Den Turm hinauf in hohem Bogen
Wie glänzt ihr neues Kleid von Gold!
Bald wird es in der Sonne funkeln
Und in den Nächten, selbst den dunkeln
Wird dieser Stadt es leuchten hold.

Ein Werk, gefahrvoll und doch heiter
Denn wißt, ihr Meister war ein Schneider *)
Der heute dieses Werk vollbringt
Er festigt auf des Turmes Spitze
Kreuz, Kuppel, Engel auf dem Sitze
Gott gib, daß es ihm wohl gelingt.

Gewähret, daß ich Namen nenne
Herrn Heinrich Bausch die Nachwelt kenne
Und wer beim Werke tätig war,
Wer rührig war in klugen Walten
Wer bei der Arbeit ausgehalten
Im schönen siebenundneunziger Jahr.

Den Engel zog mit goldnem Kleide
Daß er nun strahlet in die Weite
Der Tüncher A. Fabricius an!
In Gold strahlt Kuppel, Kreuz hernieder
Und freudig schauen wir sie wieder
Es ist die Arbeit wohlgetan.

Das Kreuz ist wieder neu erstanden
Das siegreiche in allen Landen
Durch Christian Bäblers starke Hand.
Wollt ihr es in Natura sehn,
so müßt ihr auf den Marktplatz gehn,
Es steht nun wieder wie es stand.

Die Arbeit tapfer zu vollenden
War auch dabei mit fleißgen Händen
Der Sohn von Zimmermeister Mühl
Bald ist die Arbeit wohl gelungen
Zum Lob sei allen Dank gesungen,
Es war gewiß kein Kinderspiel.

Zieht auf ! Zieht auf ! am Kirchenturme
Im Sonnenschein, sowie im Sturme
Soll Freude unsrem Städtchen sein
Und der dies nieder hat geschrieben
Ist heute nicht zu Haus geblieben
Man lud ihn zu der Feier ein.

*) Der Dachdecker Heinrich Bausch hatte ursprünglich das Schneiderhandwerk erlernt


Quelle:
"Weilburger Blätter"
Bürgerinitiative "Alt-Weilburg" e. V.
Nr. 21, Mai/Juni, 1978


Biografisches

Biografische Angaben zu Christian Fernau s. auf der Seite mit seinem Gedicht "Das Kanapée".