Literarisches Weilburg

Stadt und Lahn

Landpartie nach Kirschhofen

"Landpartie nach Kirschhofen"
von Wilhelm Rausch, 1860

Hehrer als im Lahntal dorten 
Sah man nie ein Fest begehen,
Hier hat man und aller Orten
Noch nichts Ähnliches gesehen
Als das Fest der Nähmamsellen,
Heut zu End ist ihre Lehre,
Heute wurden sie Gesellen
Und es rufen Zwirn und Schere.

Ach! es ist an schönen Mädchen
Hier zu Land gewiß kein Mangel,
Doch die Männer in dem Städtchen
Beißen ungern in die Angel,
Drum von led'gen Frauenzimmern
Sieht man unser Weilburg wimmeln,
Häufig hört man kläglich wimmern:
O wie viele müssen schimmeln.

Sollen wir die Welt verschmerzen,
Täglich wurden wir bemerkbar
Und nur in den Männerherzen
Wohnt die Lust zum Nonnenkloster,
Mögen wir uns noch so putzen,
Nach der neu'sten Mode kleiden,
Nimmer seh'n wir, bringt's uns Nutzen,
Mit dem Zeitgeist fortzuschreiten.

Ei! rief Eva, was für Klagen!
Eben darin liegt's Verderben
Kleider, die die Frau will tragen,
Muß ja doch der Mann erwerben,
"Reifröck, Hüte, Muff, Korsetten,
Mäntel, Krägen und Mantillen -
O daß die den Schlagfluß hätten!"
Ruft der Mann mit Widerwillen.

Und so klagen unterdessen
Alle Grazien in der Runde,
Sieh, da kam aus Oberhessen
Hilfe her zur rechten Stunde,
Eine Künstlerin der Nadel,
Wohlgeübt in allen Schichten,
Wünscht den Bürgerstand und Adel
In der Kunst zu unterrichten.

Dieser fing auch plötzlich Feuer,
Alle riefen: das ist wichtig!
Sieben Gulden ist nicht teuer,
Lernen wir das Nähen tüchtig!
Machen wir uns selbst die Kleider!
das ist uns'res Glückes Quelle,
dann spart doch der Mann den Schneider
Und kein Lappen führt zur Hölle.

Dort wo an der Totengasse
Schulgaß sich und Ahlen teilen,
Sah man Mädchen jeder Klasse
Täglich mit dem Nähzeug eilen.
Und woher stammt wohl das Fieber,
Das jed' Mädchenherz durchglühet,
Ist's vielleicht ein Gegenüber,
Was hierher die Herzen ziehet?

Denn die Geige und Klar'nette
Hört man in den schönsten Tönen
Daß die Guste und die Lette
Fast gerührt sind bis zu Tränen,
Und die Lina und Louise
Staunen ob der süßen Weisen,
Und die Anna und Elise
Wissen's nicht genug zu greifen.

Ein Student mit braunen Locken,
Einem Nachbarort entstammend,
Pflegt am Fenster oft zu hocken,
Mit dem Blicke liebeflammend,
Nach der Mina, nach der Schönen,
Ist sein Augenmerk gerichtet,
Dahin steht sein ganzes Sehnen,
Wird die Hoffnung nicht vernichtet?

Doch sie denkt: studierst du fleißig,
Darf ich doch Geduld nicht sparen,
Hast ein Amt du, bin ich dreißig,
Laß doch diese Hoffnung fahren,
Andere Netze magst du spannen,
Denn ich habe kein Verlangen,
Bald ziehst du ja doch von dannen
Und wirst andere Herzen fangen.

Ich führ' and're Plän' im Schilde,
Deine Neigung ist vergänglich,
Wende d'rum dich an Mathilde,
Ach! vielleicht ist sie empfänglich!
Nein, ich danke! sprach auch diese,
Frage Lina oder Annchen,
Wende lieber dich an Liese,
Oder Mila oder Hannchen.

Und so flog es durch die Runde,
Gleiche Antwort hört man immer
Bess'res gibt's zu dieser Stunde
Für uns led'ge Frauenzimmer,
So viel Herrn sind hier im Tale,
Die den Bau der Bahn verwalten,
Oder bleibt der dicken Male
Dieses Glück bloß vorbehalten?

Ei behüte! Die Cousine
Ist auch ihrem Glück nicht ferne,
Weißt du nicht? Die schwarze Line
Sieht ja den Turiner gerne.
Und nach einem andern Ziele
Sieht man täglich Jemand rennen,
Jenseits zu der schwarzen Mile -
Ich will keinen Namen nennen.

Also ging's Gespräch im Kreise
Freude war es, zuzusehen,
Wie die Unterhaltungsweise
Schaffte Lieb und Lust zum Nähen,
Bald war auch die Kunst studieret,
Schnell vergingen die acht Wochen,
Zunftgemäß wie sich's gebühret
Wurden alle freigesprochen.

Nach dem Brauch, dem rechten, alten,
Gehet hin, um einzuladen
Laßt uns blauen Montag halten!
Eine Landpartie beraten,
Geht's nach Cubach, Essershausen,
Oder hin auf Mernberg's Höhn?
Ei beileibe! ist doch draußen
Keine Eisenbahn zu sehn.

Bess'res gibt's für unsere Sachen,
Kirschhofen! nichts ist mir lieber-
Schöner können wir nicht wählen,
Denn am Gänsberg geht's vorüber.
Dorthin wo die Welschen schaffen
Und wo laut die Kuckuck schlagen.
Laßt die Italiener gaffen,
Das hat nichts bei uns zu sagen.

Bravo! bravo! rief's im Chore,
Laßt uns durch den Weilweg ziehen!
Sicher machen wir Furore,
Daß die Eisensteine glühen!
Ziehet an die schönsten Kleider!
Schmücket euch im jungen Lenze,
Daß man auch dem Chor der Schneider,
Heut' den Labetrank kredenze!

Und voll Eifer ging's nach Hause
Zu den nöt'gen Verrichtungen,
Denn es geht zum Festesschmause,
Nach so vielen Anstrengungen,
Und ganz unaussprechlich selig
Rief die Lottchen voller Freude:
Vater, mach dich heut' nicht mehlig,
Denn spazieren geh'n wir heute.

Und die Malchen, Freude ahnend'
Zieht's auch zu dem nahen Orte,
Doch die Mutter, ernstlich mahnend,
Spricht zu ihr die sanften Worte:
Brauchst nicht hin, um dort zu saufen,
Davon weiter nichts gegaggelt,
Mußt du überall hin laufen,
Wo nur eine Geige rappelt?

Zu dem Sarchen sprach's Rebeckchen:
So was kann den Gustav stacheln,
Süßen Kaffee, mürbe Weckchen
Und wer weiß was noch zu acheln.
Sarchen sprach: das Kaffeetrinken
Wäre freilich nicht vermessen,
Doch vielleicht gibt's Wurst u. Schinken
Und das dürfen wir nicht essen.

Doch die Hoffnung zum Vergnügen,
Das sich heute draußen bietet,
Half manch hartes Wort besiegen,
Reichlich, denkt man, wird's vergütet.
Mittags um die dritte Stunde
Vor des Hauses offner Pforte
Stand die holde Schaar, die bunte,
An dem intressanten Orte.

Schön geschmückt mit bunten Bändern,
Wie es stets das Herz ermuntert,
Wurde in den Festgewändern
Allerseits das Chor bewundert.
Zu der Gustel sprach die Rickel,
"Ei wie dir die Federn passen!"
""Ach! die sind von unserm Gickel,
Und ich hab sie färben lassen""

Wellenförmig umgebogen
Und verhindernd fast die Blicke,
hat den Strohhut angezogen,
Ach wie heißt sie doch die Dicke?
Auch Luise tat das Beste,
Gretchen gab sich viele Mühe,
An dem Mantel neue Queste,
Prangte festlich die Marie.

Pinchen auch, die schöne blonde,
Ließ sich nicht umsonst ermuntern,
Tat was sie nur leisten konnte.
Wer lässt sich nicht gern bewundern?
Und die Lina auch, die Dicke,
Stand im festlichen Gewande,
Und es trafen Feuerblicke
Mina aus dem Solmserlande.

So geputzt zur Tagesreise,
Neu vom Hut bis zu den Strümpfen,
Stand nun fertig in der Reihe
Dort die bunte Schar der Nymphen.
Mila sprach: das kostet Mühe:
Laßt uns hier im Gänsmarsch laufen!
Denn vor jenem Hause, siehe!
Liegt der Mist in großen Haufen.

Und so zog das Heer, das bunte,
Durch den herrschaftlichen Garten,
Wo seit einer vollen Stunde
Spielleut und Studenten warten.
Zog vorbei an Lahnstroms Stranden,
Durch des Weiltals schöne Gegend,
Beim Zivil- und Kriegerstande
Stets Bewunderung erregend.

Und des Tunnels schöne Bauten
Wurden fröhlich noch passieret,
Auch den Bahnbau sie beschauten,
Weil das Jede intressieret,
Denn wer weiß, der Zukunft Schleier
Hält's gar weislich uns verborgen,
Dieses hehren Tages Feier
Hilft vielleicht, uns zu versorgen.

Und so sprechend ging es weiter
Staunend allwärts angeblickt,
Alsobald war's Chor der Schneider
In Kirschhofen eingerückt,
Und dort an des Lahntals Pforte
Klopft man nach gewohnter Weise,
Und mit gravität'schem Worte
Ward die Tür geöffnet leise.

"Die Ihr suchet, spielen droben
Walzer, Schottisch, Galloparde
Haben Wein Euch aufgehoben,
Und vielleicht auch Schokolade.
Oder wollt Ihr, sagt es offen,
Butter, Käse oder Schinken?"
""Nein! da wir zu tanzen hoffen,
Wollen wir erst Kaffee trinken.""

Und sie tranken. Bald genossen
War der edle Saft der Bohnen,
Machten manche art'gen Glossen,
Hier wo Italiener wohnen.
Viele möchten dorthin ziehen,
Gern auf Welschlands Boden schweben,
Dort wo die Zitronen blühen,
Und die Murmeltierchen leben.

Bald darauf ging's auch zum Tanze,
Darin sind die Grazien tüchtig.
Das dient zu des Festes Glanze
Und ist für die Zukunft wichtig.
Denn wie sollten Frauenzimmer
Sonst dereinstens unterkommen,
Hat dies doch den Anfang immer
Fast auf einem Ball genommen.

Und vom Feuergeist durchdrungen,
Und durchglüht von Wohlbehagen,
Lösten sich alsbald die Zungen,
Als zum Schweigen kam der Magen,
Und die Freude sie erwachte,
Und der Scherz schwang sein Gefieder,
Und man jubelte und lachte,
Und man sang die schönsten Lieder.

"Treue Liebe bis zum Grabe!"
"Brüder reicht die Hand zum Bunde!
"An der Quelle saß der Knabe,"
"Eduard und Kunigunde."
Auch die "Träne" ward gesungen,
Beifall folgt fast jedem Worte.
"Schleswig-Holstein meerumschlungen",
Welches Lied wär mehr am Orte?

Immer wurde mannigfacher
Das Programm nach allen Seiten
Sang den "Strumpf den Lauterbacher",
"Schöne Minka, ich muß scheiden,"
"Wer will unter die Soldaten,"
"Schmeißt ihn raus, den Juden Itzig"
Diese Lieder, wohlgeraten,
Sind vor allen andern witzig.

Denn der Gäste große Horde
Hat ja Stoff in reicher Fülle.
Und man sang das nie gehörte
"Guter Mond, du gehst so stille!"
"Mein Tirol, ich seh' dich wieder,"
Sang auch vom "Zitronenblühen,"
Und es war der Schluß der Lieder:
"Wenn die Schwalben heimwärts ziehen".

Und des Weines Wirkung fühlten
Schon bedeutend alle Gäste,
Und die Musikanten spielten,
Und sie tranken auch auf's Beste.
Und man wurde voll und voller,
Und es lallten alle Zungen,
Und die Spässe wurden toller.
O ich sag: es war gelungen.

Und man tanzte, und man tobte,
Und man trank und lachte schallend.
Dieses schöne Fest, es lobte
Eine jede Lippe lallend.
Alle waren überselig,
Überglücklich bei dem Tanze,
Selbst am Himmel lachte fröhlich
Auch der Mond im vollsten Glanze.

Von des Festes hehrer Feier
Wär' noch vieles zu erzählen,
Doch hierüber liegt ein Schleier,
Und wie leicht könnt ich hier fehlen.
D'rum wird wirklich abgebrochen,
Und ich schweige wohlbedächtig,
Hab' dem Wein viel zugesprochen,
War nicht meiner Sinne mächtig.

Spät kehr'n heim die letzten Gäste,
Spät erlischt der Kerzen Schimmer,
Und gar viele von dem Feste
Lispeln selig: dein auf immer!
Nun kam erst das End vom Liede,
Jetzt ging's an's Nachhauseführen.
Nun versucht's einmal in Güte,
Also taumelnd zu marschieren.

Denn die roten Eisensteine
Liegen aufgehäuft in Massen,
Doch bei Luna's sanftem Scheine
Wird sich's noch vollführen lassen
Und so sprechend geht es munter
Und gewürzt von manchem Witze.
Plötzlich lag, o schrecklich Wunder,
Ach. ein Waidmann in der Pfütze!

Wie es weiter noch gegangen,
Davon schweig ich im Gedichte,
Das hieß sonst zuviel verlangen,
Und zu lang wär die Geschichte.
Doch da Anteil ich genommen,
Wollt ich eine Schöne fragen,
Wie ihr dieses Fest bekommen,
Was sich weiter zugetragen?

Und sie sprach: Die bösen Quäler!
Ist ein schlechter Spaß am Ende,
Hab den Arm voll blauer Mäler,
Und zerdrückt sind meine Hände-
Ganz verkrumpelt die Mantille-
Doch hier bei des Lahnstroms Rauschen
Könnte, darum schweig ich stille,
Leicht ein Unberuf'ner lauschen.

Darum wird jetzt abgebrochen
Und beschlossen die Legende-
Wie am Anfang ist gesprochen,
Also sag' ich auch am Ende.
Hehrer als im Lahntal dorten
Sah man nie ein Fest begehen.
Hier hat man und aller Orten,
Noch nichts Ähnliches gesehen.

Niemand kann mißdeuten wollen
Diesen Spaß, er kommt von Herzen.
Bitte, ja nicht mir zu grollen,
Denn ich will nur arglos scherzen.
Alles Übel zu beseit'gen,
Dienen nur die wen'gen Worte:
Niemand will ich hier beleid'gen,
Das wär nicht am rechten Orte.

Und ich richte noch zum Schlusse
An den Turnverein die Bitte:
Nehmt beim nächsten Tanzgenusse
Sie doch auf in Eure Mitte.
Die Vereine ja, die meisten,
Nehmen auf die Frauenzimmer,
Und sie können etwas leisten,
Glaubt mir, Ihr bereut es nimmer.


Quelle:
"Weilburger Blätter"
herausgegeben von der
Bürgerinitiative "Alt Weilburg"
Nr. 37/1981


Anmerkungen:
Veröffentlicht wurde in der Nummer 37 der "Weilburger Blätter" der Faksimiledruck einer 1926 von Herrn Otto Hofmann in Sütterlin-Schrift angefertigten Kopie des Gedichts. Diese Kopie enthält nach der Gedichtüberschrift noch die Angabe "von Wilhelm Rausch, genannt "Bilderonkel" zu Weilburg/Lahn. (1860)." und am Schluß den Vermerk "Copiert im September 1926 von O. Hofmann.

Ich habe eine Übertragung aus der Sütterlin-Schrift in die heutige Schriftform  vorgenommen und hoffe, dass mir dabei keine Fehler unterlaufen sind. Sollten Sie solche doch feststellen, wäre ich für eine entsprechende Information dankbar.

Biografisches

Der Weilburger Buchbinder Wilhelm Rausch verfasste 1860 die "Landpartie nach Kirschhofen". Rausch betrieb sein Geschäft im Hause Marktstraße 12 (Ecke Schulgasse). Die Bezeichnung "Bilderonkel" rührt vielleicht daher, dass die damals nicht unübliche Verbindung zwischen Buchbinderei und Bilderverkauf auch bei Herrn Rausch bestand.

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Quelle:
"Weilburger Blätter"
herausgegeben von der
Bürgerinitiative "Alt Weilburg"
Nr. 37/1981
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