Literarisches Weilburg

Stadt und Lahn

Der Königsmacher

"Der Königsmacher"
von Friedrich Christian Delius
"Der Königsmacher" von Friedrich Christian Delius

"Der Königsmacher" von Friedrich Christian Delius (Titelumschlag)

"Albert Rusch, ein Schriftsteller mit wenig Erfolg, will endlich einen Bestseller schreiben und stößt auf der Suche nach einem passenden Stoff auf eine alte Familiengeschichte: Seine Urururgroßmutter war das uneheliche Kind einer Berliner Tänzerin und des Prinzen von Oranien, der später als Willem I. den holländischen Thron bestieg. Die heimliche Königstochter wuchs in einer mecklenburgischen Adelsfamilie auf, wurde zur Hochzeit mit dem falschen Mann gezwungen, erhielt ein Vermögen und starb nach einer freudlosen Ehe mit 23 Jahren, ohne je erfahren zu haben, wer ihre Eltern waren."

"Adel und Boheme, Macht, Liebe, Geld, Intrigen, Leidenschaft, Tod - ideale Voraussetzungen für einen auflagenträchtigen Frauenroman. Doch wie lässt sich eine romantisch-traurige Geschichte aus dem 19. Jahrhundert heute erzählen? Als konventionelle historische Schmonzette, wie es ihm sein Verlag nahe legt, oder als anspruchsvolle Literatur, wie es ihm selbst vorschwebt? Ist ein Roman überhaupt Erfolg versprechend, oder sollte es ein Drehbuch sein? Für diese Fragen findet Rusch keine Lösung, stattdessen identifiziert er sich im Zuge der Recherchen mehr und mehr mit seiner Rolle als Nachfahre der Preußenkönige. Damit ist er überraschend erfolgreich: Als Leitfigur eines neu entdeckten Preußen-Mythos avanciert er zum Medienstar und Erfinder des «Preußen-Jahres». Auf der Höhe seines Ruhms scheinen die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Realität und Fiktion zu verschwimmen: Albert verliert sich in einer wahnhaften Liebe zur Königin Luise." (Umschlagtext des Verlags.

In Delius' Roman sind es zwei Erzählstränge, die über den fiktiven Autor Albert Rusch miteinander verbunden sind und manches erinnert auch an das gern genutzte Konzept vom "Buch im Buch", denn es ist auch ein Roman über einen Schriftsteller, der einen Roman schreiben will.

So ist es zum einen die Geschichte des wenig erfolgreichen Schriftstellers Albert Rusch. Dieser hofft mit einem Roman, dessen Handlung in"den sicheren Gefilden der Vergangenheit" angesiedelt ist, gegen den herrschenden Trend anzuschwimmen und gerade deshalb erfolgreich sein zu können. Ein "uraltes Familiendrama [. . .]. Eine Geschichte mit romantischer und monarchischer Schwerkraft [. . .]." soll den geplanten Roman und seinen Autor zum Ruhm führen. Diesen Romanstoff sieht Rusch in der Liaison eines holländischen Prinzen und einer Tänzerin und der daraus hervorgegangenen Tochter Minna: [. . .] eine Goldmine, das größte Kapital, mit dem sich literarisch und emotional wuchern ließ: eine weibliche Figur, eine richtige Heldin, tragisch gezeugt, erhoben und erniedrigt, Spielball und Subjekt, ein Opfer männlicher Macht und weiblicher Intrigen. Und das Kostbarste: eine Frau!". Dazu entdeckt er im Verlauf seiner Nachforschungen ein Papier, das ihn scheinbar als Nachkomme von Minna ausweist und ihm damit eine ferne verwandtschaftliche Beziehung zum Haus Hohenzollern einbringt.

Für einige Monate wird Rusch tatsächlich zu einer Berühmtheit, ist allgegenwärtig in Talkshows und Zeitungen, präsentiert Deutschland die Idee einer Neuentdeckung des Preußentums und wird gar zum Erfinder des Preußenjahrs. Doch Medien und Öffentlichkeit werden der "Preußen-Mode" bald überdrüssig. Ruschs steilem Aufstieg folgt ein ebensolcher Fall. Nach einem Aufenthalt in der Psychatrie wird er in einem privaten Museum zur Geschichte Preußens und Brandenburgs lebendes Ausstellungsstück hinter einer Glaswand.

Zum andern ist es die um 1810 bestehende intime Beziehung zwischen der Bäckerstochter und Tänzerin Marie aus Berlin mit Wilhelm Friedrich, Prinz von Oranien-Nassau (geb. 24. August 1772, verst. 12. Dezember 1843), dem späteren König der Niederlande und Großherzog von Luxemburg Wilhelm I. (1815-1840). Aus der Beziehung geht die Tochter Wilhelmine, gen. Minna, hervor. Um deren Existenz und Herkunft nicht öffentlich werden zu lassen, wird Minna in Pflege gegeben, wofür vom niederländischen Königshaus anonym Unterhalt gezahlt wird. Zwar durch die Zahlungen materiell gesichert, lebt Minna jedoch ein unglückliches Leben, ohne je die Möglichkeit zu bekommen dieses Leben selbstbestimmt führen zu können. Intrigen führen dazu, dass Minna von einer Pflegefamilie zur nächsten weitergereicht wird und sie mit 17 Jahren verheiratet. Minna stirbt schon früh, mit 23 Jahren, ohne je etwas über ihre Herkunft erfahren zu haben.

Für ein Jahr kommt Minna zur Familie des niederländischen Finanzrats Boyer, der in Berlin im Niederländischen Palais residiert. Als ein Aufenthalt der niederländischen Königin in Berlin bevorsteht, wird für Minna 1816 eine andere Pflegestelle gesucht.

Diese Pflegestelle findet sich in Weilburg.

In Weilburg wird Minna bei der verwitweten Schwiegermutter des Finanzrats Boyer, Frau Schefer, untergebracht. Sie bleibt dort bis Oktober 1823.

"- Diese Witwe Schefer darf nicht erfahren, wer die Kleine ist. Niemand in Weilburg darf es erfahren, schon gar nicht der Weilburg-Nassauische Hof. Diese Herrschaften haben mit Napoleon kollaboriert unds sich das Herzogtum Nassau zuschanzen lassen, mit denen will ich keine Scherereien. Also: Befehl an Boyer, folgende Version: In Weilburg heißt das Kind Minna Boyer, ist seine Nichte, Waisenkind, unter dem besonderen Schutz der Königin, die den verstorbenen Eltern das Gelübde gegeben hat, sich um die Kleine zu kümmern. Ich erwarte vierteljährliche Berichte von dieser Frau Schefer samt Zeugnissen usw., die sie an Boyer zu schicken hat, der sie Ihnen zu schicken hat."

Meine Annahme, dass es sich bei der Ortsangabe Weilburg nicht um den realen Aufenthaltsort von Minna handeln würde, traf nicht zu. Auf Anfrage bestätigte mir Herr Delius, dass sich Minnas Aufenthalt in Weilburg aus Dokumenten ergibt. Er bestätigte ebenfalls, dass für die Personen um Minna die realen Namensangaben verwendet wurden.

In archivalischen Unterlagen im Historischen Archiv der Stadt Weilburg konnte ich in einer "Tabelle über die Bevölkerung und den Grundbestand der Stadt Weilburg ....aufgestellt am 20. August 1810" unter der lfd. Nr. 40 in Abschnitt "IV Schutzverwanten"  nur den Eintrag finden "Frau Secrets Boyer nth".

Zur Stadt Weilburg selbst finden sich in Delius Roman keine Angaben. Zum Haus der Witwe Schefer heißt es lediglich "Fachwerkhaus der Frau Schefer, Garten."

Friedrich Christian Delius
"Der Königsmacher"
Rohwolt Verlag GmbH, Berlin, 2001
318 Seiten, ISBN 3-87134-438-9

Friedrich Christian Delius wurde am 13. Februar 1943 in Rom geboren. Von 1944 bis 1963 lebte er in Nordhessen, ab 1963 bis 1970 studierte er in Berlin Literaturwissenschaft, 1971 promovierte er zum Doktor der Philosophie. Nach Tätigkeiten als Lektor in den Verlagen Wagenbach und Rotbuch ist Delius seit 1978 als freier Schriftsteller tätig.

Delius erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Georg-Büchner-Preis im Jahr 2011. Viele seiner Veröffentlichungen befassen sich mit Themen, die wesentlich die Geschichte der Bundesrepublik bestimmt haben oder bestimmen, z. B. der Deutsche Herbst und die Wiedervereinigung. In seinem Werk von über 30 Veröffentlichungen finden sich u. a.:

  • Unsere Siemens-Welt.
  • Berlin 1972.
  • Ein Held der inneren Sicherheit.
  • Japanische Rolltreppen.
  • Die Birnen von Ribbeck.
  • Himmelfahrt eines Staatsfeindes.
  • Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde.
  • Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus.
  • Die Flatterzunge.
  • Transit Westberlin.
  • Mein Jahr als Mörder.
  • Die Frau, für die ich den Computer erfand.
  • Die linke Hand des Papstes.