Literarisches Weilburg

Stadt und Lahn

Rainer Maria Rilke: Briefe

Leider gibt es weder Gedichte noch Erzählungen, in denen sich ein Besuch Rilkes in Weilburg literarisch niedergeschlagen hat. Doch im Gegensatz zu Goethe, von dem ein Aufenthalt in Weilburg nur indirekt belegt ist und von dem Weilburg nur einmal als ein Ortsname neben anderen genannt wird (Dichtung und Wahrheit, 13. Buch: Aus meinem Leben), steht ein Aufenthalt von Rilke in Weilburg fest und vorhanden sind auch kurze Bemerkungen über Weilburg in Rilkes Korrespondenz.

Rainer Maria Rilke befand sich im März/April 1905 in Begleitung seiner Frau Clara zu einem Kuraufenthalt im "Weißen Hirsch" nahe Dresden. Das Ehepaar Rilke lernte dort die verwitwete Gräfin Luise Schwerin, eine geborene Freiin von Nordeck zur Rabenau, kennen. Die Gräfin lud das Ehepaar Rilke zu einem Sommeraufenthalt in ihr elterliches Schloss Friedelhausen bei Lollar (Hessen) ein, wohin sie selbst nach dem Tod ihres Mannes zurückgekehrt war und wo auch ihre verwitwete Schwester Alice Faehndrich den Sommer verbrachte. Das Schloss hatte der Vater, Adalbert Freiherr von Nordeck zur Rabenau, im Jahr 1851 für seine Frau Clara, geb. Phillips, errichten lassen. Der 1901  verstorbene Ehemann der Gräfin war Graf Karl Schwerin (1844-1901), der von 1877-1888 das Amt des Landrats im 1867 gegründeten Oberlahnkreis inne hatte und in diesen Jahren mit seiner Familie in Weilburg wohnte, das damals Kreisstadt war.

Am 28. Juli 1905 traf Rilke auf Friedelhausen ein und blieb dort bis zur Abreise am 9. September, seine Frau Clara war ebenfalls zu Gast in Friedelhausen, musste wegen dem Tod ihres Vaters am 5. August jedoch zurück nach Bremen. Die Gräfin selbst war auch nicht während der gesamten Zeit anwesend, da sie wegen einer Erkrankung vorzeitig abreisen musste. Während seines Aufenthalts lernte Rilke den Berliner Privatbankier und Kunstsammler Karl von der Heydt und dessen Frau Elisabeth kennen, die beide zum Freundeskreis der Gräfin gehörten. Von der Heydt lud Rilke für den September auf seinen Sommersitz "Wacholderhöhe" bei Bad Godesberg ein. Rilke kam dieser Einladung nach, als er im September in Bad Godesberg seine Fahrt nach Meudon unterbrach, die ihn zu einer Sekretärsstellung bringen sollte, die ihm der französische Bildhauer Auguste Rodin (1840-1917) für die Wintermonate angeboten hatte.

Am 10. September 1905 schrieb Rilke von Bad Godesberg an Gräfin Luise Schwerin nach Friedelhausen:

"Und gestern auf der Fahrt hab ich einen Augenblick Weilburg gesehen, aufgebaut auf seinem milde herrschenden Berg, - und als es vorbei war, kam lange nichts als Wälder und gebogene Waldtäler wie lange verhallende Nachklänge des Tones, den es in mir erweckt hatte. Auch an dem stämmigen Limburg fuhren wir vorbei und an einer steilen, starken Burg Runkel und an Ruinen, die nur mit einem einzigen Bogenfenster noch aus den Wäldern heraussahen, wie untergegangen in ihrem grünen bewegten Dunkel."

Nach einer Vortragsreise über Rodin kam Rilke am 29. und 30. Oktober nochmals nach Friedelhausen und ein letztes Mal am 8. September 1906, zusammen mit seiner Frau Clara, der Tochter Ruth und der jungen Cousine seiner Frau, Clara Einenkel. Gastgeberin bei diesem Aufenthalt war Alice Faehndrich, die Schwester der am 24. Januar 1906 verstorbenen Gräfin Luise Schwerin. Diese Fahrt nach Schloss Friedelhausen hatte die Familie Rilke nach einem Aufenthalt vom 17-31. August 1906 auf dem Sommersitz bei Karl von der Heydt in Bad Godesberg angetreten und sie unterbrach die Anreise für einige Stunden mit einem Aufenthalt in Weilburg und Rasttagen vom 01. bis 08. September im Schlosshotel Braunfels. Eine Ansichtskarte von Weilburg sandte Rilke zwei Tage später von Braunfels aus an Karl von der Heydt:

"Wir waren vorgestern in Weilburg: was für ein rührender Rahmen für ihre Gestalt [Gräfin Luise Schwerin]; und immer erscheint sie so licht, so ausgespart, so in der Farbe des fernsten Hintergrundes. Auf der Karte sehen sie links neben der Schlossterrasse die erste Schwerinsche Wohnung 'Krähenhorst' - die spätere 'Casa Beata' sieht von drüben über das Tal zur ersten, zur Terrasse, zum Schloß hinüber."

Während des letzten Aufenthalts auf Schloss Friedelhausen unternahm Rilke zwar mehrere Ausfahrten, darunter auch wieder eine nach dem "alten Marburg", nach Weilburg aber kam Rilke nicht mehr. Den Winter 1906/07 verbrachte er auf Einladung von Alice Faehndrich in deren Villa Discopoli auf Capri, ein weiterer Aufenthalt erfolgte dort im ausgehenden Winter 1908, dann aber ist Rilkes Arbeitsort Paris, wenn auch Briefe davon zeugen, dass die Erinnerungen an das "liebe hessische Land" Rilke dort nicht verlassen haben.


Quellen:
Joachim W. Storck
Ingeborg Schnack, Rilke, Marburg und das hessische Land
Eine Würdigung als Nachruf
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart
Jg. 4 (2003), Heft 5

Ingeborg Schnack
Rainer Maria Rilkes Erinnerungen an Marburg und das hessische Land
3. vermehrte Auflage
Marburg, Elwert, 1989

Rainer Maria Rilke
Die Briefe an Karl und Elisabeth von der Heydt 1905-1922
Herausgegeben von Ingebor Schnack und Renate Scharffenberg
Insel-Verlag Frankfurt, 1986

Rainer Maria Rilke
Briefe aus den Jahren 1904 bis 1907
Herausgegeben von Ruth Sieber-Rilke und Carl Sieber
Insel-Verlag Leipzig, 1939