Literarisches Weilburg

Stadt und Lahn

Lothar oder Untergang einer Kindheit

"Lothar oder Untergang einer Kindheit"
(von Oscar Adolf Hermann Schmitz)

Von dem Schriftsteller Oscar Adolf Hermann Schmitz wurde 1905 im Verlag Axel Juncker, Stuttgart, die erste Auflage des Romans „Lothar oder Untergang einer Kindheit“ veröffentlicht. Er widmete diesen Roman „Den Manen meines Grossvaters und meines Vaters“. Bereits 1906 wurde eine zweite Auflage gedruckt, die den verkürzten Titel „Der Untergang einer Kindheit“ trägt. Zu dem Roman schrieb Hermann Hesse: "Mit enormem Fleiß und und bedeutendem Talent stellt hier ein scharfer Beobachter ein Kinderleben dar. Blicke in die Wunder der Kinderseele, in die Abgründe des Unbewußten tun sich auf.

In dem autobiografischen Roman beschreibt Schmitz die Zeit seiner Kindheit bis zum gymnasialen Schulabschluss. Dabei wird deutlich, wie sehr der Reifungsprozess eines Jugendlichen hinsichtlich dessen sexueller Entwicklung wie auch hin zu einem eigenverantwortlich handelnden Individuum  bestimmt und behindert werden kann durch gesellschaftliche Erwartungen, Normen und gesetzte Grenzen. In der Schule verschärfen sich die Widersprüche zwischen der Lebenswirklichkeit des Jugendlichen und den schulischen und gesellschaftlichen Ansprüchen und Moralvorstellungen.

Schmitz' Darstellung der eigenen, zwiespältigen Gefühlswelt seiner Kinder-  und Schülerzeit ist exemplarisch für die Zeit des Umbruchs im ausgehenden 19. Jahrhundert. Erkennbar sind darin aber auch die Wurzeln, der sein weiteres Leben bestimmenden, ihm innewohnenden „Zwienatur“.

Im Roman „Lothar oder Untergang einer Kindheit“ ist es Lothar Daneck, der in der gutbürgerlichen und wohlhabenden Familie Daneck in einer Kleinstadt aufwächst. Der Vater bekleidet eine angesehene Stellung als Betriebsdirektor, die Mutter ist eine geborene Braunau, deren Familie auf eine lange Tradition zurückblickt und in der gleichen Stadt lebt. So entsteht auch eine starke Bindung Lothars zu den Großeltern, besonders zum Großvater. Den eigenen Vater liebt Lothar abgöttisch, und zu seiner Mutter blickt er voll Bewunderung auf. Es besteht eine heile, wohlbehütete Welt, voll Vertrauen und gegenseitigen Respekts in seiner Familie.

Eine Faszination bereits als Kleinkind übt auf ihn die fremde Welt des Speichers aus und die dort befindlichen Zimmer der Dienstmädchen. Dabei ist ihm bewusst, „daß ihm diese Dinge eigentlich immer verschlossen bleiben müßten und die Beschäftigung damit schmählich und »ordinär« sei.“

Die Faszination des Ordinären und Derben verstärkt sich in seiner Bekanntschaft mit dem Nachbarsjungen Fritz. Einerseits durch dessen schamloses Verhalten und Kinderstreiche abgestoßen, wird er doch angezogen durch die wilde Natürlichkeit von Fritz. So ist Lothar hin- und hergerissen zwischen der Welt seiner Familie und der Außenwelt mit ihren Geheimnissen und Widersprüchen.

Die Anforderungen der besuchten Schule meistert Lothar ohne Schwierigkeiten. Der dort erlebte Drill und die oft willkürlich verhängten Strafen empören ihn aber, erlebt er doch in der Familie eine wohlbehütete Erziehung voll Verständnis und ohne Gewalt.

Zur Zeit seines Übertritts in das Gymnasium nimmt der Vater eine hohe Stellung als Staatsbeamter in der nahen Großstadt an. Verbunden mit dem Umzug in die Großstadt ist auch der Übertritt Lothars in das dortige Gymnasium. In der Stadt findet er die ihn so faszinierenden Gegensätze in den prachtvollen Geschäftshäusern, den Alleen und dem Theater einerseits, den Schänken und Gassen der Altstadt mit ihren Bewohnern andererseits.

Die schulischen Leistungen Lothars aber verschlechtern sich auf dem Gymnasium zusehends, zu den neuen Mitschülern bekommt Lothar keinen Kontakt. Sein Vater ist besorgt wegen der beruflichen Zukunft Lothars, erkennt aber, dass Schule und Lehrer einen Großteil Schuld an den schlechten Schulleistungen haben; trotzdem schafft er aber eine vorher nicht bestehenden Distanz zu seinem Sohn.

Der Grund für Lothars Verwirrtheit ist für den Vater nicht erklärbar; er vermutet ihn in der sexuellen Entwicklung seines Sohnes. Ein Aufklärungsgespräch verwirrt Lothar jedoch noch mehr, liegt der Zwiespalt seiner Gefühle, den er unbedingt zu verheimlichen sucht, doch nicht im Geschlechtlichen.

Von ihren protestantischen Eltern erfahren Lothar und seine Schwester Ada erst einige Zeit nach dem Tod des Großvaters, dass dieser Jude war. Hatte Lothar sich zuvor schon von seinen jüdischen Mitschülern ob deren Gewandtheit und Auftreten angezogen, aber auch eingeschüchtert gefühlt, kommt er nun mit diesen in Kontakt. Sein Interesse am Judentum weicht bald aber der Faszination gegenüber den Riten und Prunkbauten des Katholizismus, für den er Zugang durch eine Gouvernante findet. Das zu dieser Zeit zunehmende sexuelle Interesse am weiblichen Geschlecht ist für Lothar zwar verlockend, wird von ihm jedoch verdrängt und unterdrückt.

Lothars Interesse an den unterschiedlichen Religionen geht einher mit seiner Leidenschaft für Literatur und Musik und großen Ehrgeiz entwickelt er bei eigenen literarischen Arbeiten und dem Klavierunterricht. Am liebsten möchte er die Schule verlassen und im musikalischen Metier seinen Beruf finden. Der Vater fordert jedoch, trotz der weiterhin schlechten Schulleistungen, den Weiterbesuch und den Reifeabschluss. Mit der Hoffnung auf spätere studentische Freiheiten fügt sich Lothar dem Wunsch seiner Eltern und quält sich weiter durch den Schulalltag.

Falsche Beschuldigungen von Lehrerseite führen zu Lothars Suspendierung. Die bis zur Reifeprüfung verbleibende Schulzeit muss er auf einem anderen Gymnasium verbringen, weshalb er nach Odersburg geht, wo er ein Zimmer im Haus seines Lehrers Professor Öhler nimmt. Sein Bruder Robert folgt ihm bald nach Odersburg nach.

Mit dem Literatur unterrichtenden Professor führt Lothar ausgiebig Gespräche und es erweist sich, dass sein Lehrer ehemals auch seine künstlerische Berufung zugunsten einer gesicherten Lehrerlaufbahn aufgegeben hatte. Professor Öhlers Bekenntnis und die Forderungen seines Vaters, zu einem nicht geringen Teil aber auch die Aussicht auf das dem Abitur nachfolgende Studentenleben, erreichen, dass sich Lothar intensiv auf die Reifeprüfung vorbereitet.

Ein, kurz vor dem Abitur unter einem Anagramm seines Namens, in der örtlichen Tageszeitung abgedrucktes Gedicht von Lothar gefährdet letztlich noch dessen erfolgreichen Schulabschluss. Nur Dank seiner guten Vorbereitung kann Lothar die Absicht des Religionslehrers Brüll ihn durchfallen zu lassen unterlaufen.

Nach bestandenem Abitur fügt sich Lothar den Plänen seines Vaters, der ein Jurastudium vorgesehen hat und eine spätere Laufbahn in der Verwaltung. Er stimmte auch seinem Vater zu, „sein ganzes Leben müsse nun dahin streben, die Neigung zum Fantastischen, Ausschweifenden durch zielbewußtes Streben im Schach zu halten und sie nur als Mittel zur Verschönerung der Mußestunden zu betrachten. […] Lothar glaubte in der Tat darin Sinn und Wert des Lebens zu sehen …“, doch schon bei der Eisenbahnfahrt in die Universitätsstadt waren es die erhofften Freuden eines freien Studentenlebens, die sein Denken einnahmen.

Der Stadtname Weilburg wird in Schmitz' Roman nicht genannt, er verwendet die Ortsangabe Odersburg, abgeleitet von der nahe Weilburg gelegenen Ortschaft Odersbach, die heute ein Stadtteil Weilburgs ist. Als Stadt tritt Weilburg in der Erzählung nur am Rande in Erscheinung und Ereignisse ortsgeschichtlicher Bedeutung sind darin nicht erwähnt.

Die „Matrikel des Gymnasium Philippinum II“ verzeichnen den Namen Oscar A. H. Schmitz unter der lfd. Nr. 5351 mit der Jahresangabe 1890-92. Direktor des Gymnasiums in dieser Zeit (seit 1875) war Emanuel Bernhardt. Er lehrte Latein und Griechisch und erhielt für seine wissenschaftlichen Leistungen auf dem Gebiet der Homerforschung die Ehrendoktorwürde der Universität Marburg. Zur Person Bernhardts schreibt Schmitz „Mit seinem eisgrauen Homer-Kopf überragte er alle Lehrer und Schüler der Anstalt. Er liebte es, lange Abschnitte der Odyssee oder der Ilias im Unterricht zu deklamieren, wenn man dieses sich selbst berauschende Schwelgen im Klange so nennen kann; wobei er die Augen schloß und bald nur noch zu sich zu reden schien, daß man ihn schwer verstand. Im Verkehr mit den Schülern jedoch war auch diese edle Persönlichkeit zuweilen kleinlich und pedantisch,wenn auch niemals nachtragend.“ Diese Beschreibung deckt sich mit Angaben aus anderen Quellen.

Direktor Bernhardt starb am 5. Februar 1892. Der Tod des Direktors bringt Schmitz (Lothar) in Bedrängnis, da der stellvertretende Nachfolger, sein Religionslehrer (im Roman Dr. Brüll, Spitzname „Hamster“) ihm den erfolgreichen Abschluss verwehren möchte.

Nachfolger von Bernhardt am Weilburger Gymnasium war Siegmund Paulus, der die Lehrbefähigung für Latein, Griechisch und evangelische Religion innehatte. Dieser Lehrer wird in einer anderen Quelle geschildert als „ernst religiöse Natur von Hause aus und weiter beeinflußt durch sein theologisches Studium“, der dafür sorgte, „daß in seiner Anstalt der Geist der Gottesfurcht waltete …“. Aufgrund dieser Charakterisierung erscheint es als nicht unwahrscheinlich, dass Schmitz' Religionslehrer Zeilen dessen Gedichts als gotteslästerlich ansah und deshalb auf sein Versagen im Abitur erpicht war.

Das in "freien Rythmen" verfasste Gedicht war abgedruckt worden im "Weilburger Tageblatt" (im Roman "Odersburger Tageblatt"), dessen Besitzer zu jener Zeit Hugo Zipper war, "ein Mann aus der achtundvierziger Generation, der nebenher die Papierhandlung des Städtchens führte und für einen sogenannten »unsicheren Kantonisten« galt, .... In dem dumpfen Lädchen, wo es nach feuchtem Holzpapier roch, schien in Verborgenheit zu wuchern, was die kleine Stadt an aufrührerischem Geiste barg. Der stets nörgelnde kinderreiche Besitzer mußte sich indes, um sein Brot nicht zu verlieren, meist damit begnügen, die Faust in der Hosentasche zu ballen. Manchmal aber versetzte er doch der geordneten bürgerlichen Gesellschaft einen verstohlenen Hieb."

Das "Weilburger Tageblatt" war erstmals am 01. Juni 1862 erschienen. Besitzer der Buchdruckerei und des Verlags war Wilhelm Beutter. Der 1851 geb. Hugo Zipper war als Redakteur im Verlag beschäftigt und heiratete nach dem Tod von Beutter dessen Witwe. Redaktion, Druck und Verlag gingen am 15. Januar 1881 an Zipper über.

Das Gedicht wurde gedruckt im "Weilburger Tageblatt", 30 Jahrgang, Nr. 274 v. 24.11.1891:

Phantasie auf dem Balle.

Sanfte Töne durchzogen den Saal,
Bald fröhlich jubelnd,
Bald voller Schwermuth,
Zum Tanze,
Zum wilden, wirbelnden Tanze
Anzutreiben die Mädchen, die Knaben.
Ich aber stand abseits,
Hinter dem Vorhang,
Am offenen Fenster
Und blickte hinaus
In die Herbsteslandschaft:
Finstre Nacht
Kahl und öde alles ringsum.
Da hebt sich stürmend
Ein brausender Wind,
Und bläst dem entschwundenen
Lieblichen Sommer
Ein grausiges Todtenlied,
Just als die Paare
Im warmen Saale
Den Tanz begannen.
Auch draußen treiben
Die Blätter des Herbstes,
Die gelben verwelkten
Zum Tanze, zum Tanze.
Unaufhörlich
Wirbeln sie weiter,
Ach! sterben werden
ja bald sie alle,
Vom Winde verweht
Denn einmal ist es
Nur ihnen vergönnt,
Den Sommer zu schmücken.
Drum eilen sie jetzt,
Die letzten Momente
Das leben zu kosten,
Unaufhörlich
In unstät wildem
Wirbelnden Tanz
In Todesarme.-

O wäre es auch mir
dereinstens beschieden,
Wenn Tod mich ereilet
In frohem Tanze
Die Welt zu verlassen,
Wenn einer Schönen
Weiche Arme
Sich sanft um die Hüfte
Kosend mir legen.
Wenn so die Seele
Dem Körper entfliehet,
Dann steigt sie geweiht
Empor zum Himmel
Und freudig klopft sie
Dort oben an:
"Laßt ein mich, laßt ein mich,
Mich weihte die Liebe."
Und es fliegen die Thore
Des Himmelssaales
Weit auf.
Die Engel sitzen auf goldnen Pfühlen
Und singen und spielen
Voll göttlicher Freude
Fort bis in alle Ewigkeit
Zum nimmer endenden
Wild fröhlichen
Wirbelnden seligen
Ewigen Tanz.
Und der liebe Gott,
Er geht dazwischen
Auf und nieder
Und reibt sich schmunzelnd
Die Hände und rufet
Mit tönender Stimme:
"Messieurs, changez les dames."

Czarosmitrasch

In Schmitz' Roman beinhalten die Kapitel LI. bis LVII. Lothars Zeit am Gymnasium Philippinum in Weilburg. Das darauffolgende Kapitel LVIII. beschließt den Roman, weshalb ich in die hier verfügbare Abschrift auch dieses Kapitel aufgenommen habe.

An dieser Stelle herzlichen Dank an Herrn R. Pabst, www.literaturdetektiv.de, der mich auf Schmitz' Autobiografie und die Arbeit von N. Nethel "Von der Jämmerlichkeit des Schulelends", 2007, aufmerksam machte.

Die Abschrift der Kapitel LI. bis LVIII. wurde Wort- und Zeichengetreu angefertigt nach

LOTHAR ODER ENDE EINER KINDHEIT
Kapitel LI. bis LVIII., Seite 177 bis 202
Verlag Axel Juncker
Stuttgart, 1905

Lothar oder Untergang einer Kindheit (145 kByte)

Die Abschrift (26 Seiten DIN A5) ist als pdf-Dokument verfügbar, das über den vorstehenden Link hier Online gelesen werden kann. Um den Text Offline zu lesen, können Sie die Datei auch auf Ihrem PC speichern.

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Ein Verzeichnis der Literatur von und über Oscar A. H. Schmitz finden Sie bei der Deutschen Nationalbibliothek unter diesem Link: Literatur zu Oscar A. H. Schmitz

Einige biografische Angaben zu Oscar A. H. Schmitz finden Sie in dieser Homepage über den Link: Geschichtliches/Biografien/Auswahlseite