Literarisches Weilburg

König Konrad, Weilburger Testament

Heinrich der Vogler

"Heinrich der Vogler"
(von Johann Nepomuk Vogl)

Herr Heinrich sitzt am Vogelherd
Recht froh und wohlgemut.
Aus tausend Perlen blinkt und blitzt
Der Morgenröte Glut.
In Wies' und Feld, in Wald und Au'n
O, welch ein süßer Schall,
Der Lerche Sang, der Wachtel Schlag,
Die süße Nachtigall.

Herr Heinrich schaut so fröhlich drein - 
Wie schön ist heut' die Welt!
Was gilt's? Heut gibt's nen guten Fang!
Er schaut zum Himmelszelt.
Er lauscht, er lauscht
Und streicht sich aus der Stirn
Das blondgelockte Haar.

Ei doch, ei doch!
Was sprengt denn dort herauf für eine Reiterschar?
Der Staub wallt auf, der Hufschlag dröhnt,
Es naht der Waffen Klang.
Dass Gott, die Herrn verderben mir
Den ganzen Vogelfang!

Ei nun, was gibts?
Es hält der Tross vorm Herzog plötzlich an.
Herr Heinrich tritt hervor und spricht:
"Wen sucht ihr, Herrn, sagt an?"
Da schwenken sie die Fähnlein bunt
Und jauchzen: "Unsern Herrn!
Hoch lebe des Sachsenlandes Stern!"

Sich neigend knien sie vor ihm hin
Und huldigen ihn still
Und rufen, als er staunend fragt:
"S' ist Deutsches Reiches Will'!"
Da blickt Herr Heinrich tief bewegt
Hinauf zum Himmelszelt:
"Du gabst mir einen guten Fang,
Herr Gott, wie dir's gefällt!"

Biografisches

Dichter der Ballade "Heinrich der Vogler" ist Johann Nepomuk Vogl, geb. in Wien, dort verstorben am 16.November 1866. Der Geburtstag wird meist mit dem 02. Februar angegeben, es finden sich aber auch die Angaben 07. Februar und 02. November.

Vogl war der Sohn eines wohlhabenden Leinwandhändlers und Hausbesitzers, der aus Hollabrunn/Niederösterreich stammte. Seine Mutter Anna war eine geborene Lensch und kam aus Frauenkirchen am Neusiedler See.

Bereits mit 17 Jahren erhielt Vogl eine Anstellung als Beamter bei den österreichischen Landständen. Mit 20 Jahren heiratete er in erster Ehe Sophie Mathieu, die Tochter eines in der österreichischen Armee dienenden Emigranten. Mit ihr hatte er einen Sohn und eine Tochter. Die zweite Ehe schloss Vogl mit der Witwe eines Redakteurs.

1859 ließ Vogl sich auf eigenen Wunsch in den Ruhestand versetzen und lebte dann bis zu seinem Tod als Privatier; nach anderen Quellen blieb Vogl bis zu seinem Tod Beamter.

Vogl war Mitglied der Literatengruppe im Wiener  "Silbernen Kaffeehaus". Seine Balladen stehen in der Tradition der Wiener Spätromantik und einige dieser Balladen wurden von Carl Loewe (u. a. "Heinrich der Vogler", op 56,1 von 1836) und Franz Schubert vertont.

Die Popularität und Volkstümlichkeit Vogls rührte zu einem nicht geringen Anteil daher, dass viele seiner Dichtungen von Freunden musikalisch umgesetzt wurden und diese dadurch schnelle Verbreitung erfuhren. In der Berücksichtigung einer musikalischen  Umsetzung seiner Arbeiten durch Vogl sahen dessen Kritiker einen Grund für die von ihnen behauptete mindere dichterische Qualität seiner Werke.

Vogl veröffentlichte u. a.:

  • Österreichisches Wunderhorn, Wien 1834,
  • Klänge und Bilder aus Ungarn, Wien 1839,
  • Die ältesten Volksmärchen der Russen, Leipzig 1840,
  • Erzählungen eines Großmütterchens, Leipzig 1840,
  • Trommel und Fahnen, Liederzyklus, Wien 1844,
  • Sagen und Legenden aus der christlichen Vorzeit, Wien 1845,
  • Soldatenkalender, Wien 1850 - 1853,
  • Artikel in Unterhaltungsblättern, Zeitschriften und Almanachen.

Quellen:
Brümmer, Franz
Deutsches Dichterlexikon
Bd. 2, 1877
-
Const. v. Wurzbach
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Österreich
T. 51., 1885
-
Joseph Kehrein
Bibliographisch-literarisches Lexikon
der katholischen deutschen Dichter, Volks- und Jugendschriftsteller
Bd. 2, 1871