Literarisches Weilburg

König Konrad, Weilburger Testament

Die Königswahl

"Die Königswahl"
(von Friedrich Eich)

Es war eine furchtbare, schreckliche Zeit,
Als Ungarns barbarische Horden
Die deutschen Lande in ewigem Streit
Durchzogen mit Plündern und Morden.
Da war in dem Reiche entsetzliche Noth,
Jetzt kam noch hinzu seines Königs Tod,
Den Jammer des Volkes zu mehren.
Doch siehe, schon sitzet der Stämme Zahl
Versammelt zur trefflichsten Königswahl,
Die herrliche Sitte zu ehren

Und rings in der Herzoge fürstlichem Kreis
Erspäht man mit fragenden Blicken:
Wer jetzo am Besten zu helfen weiß,
Nur Der kann als Herrscher beglücken.
Und die Wahl, die bedenkliche, war nun vollbracht,
Man hatte den Otto zum König gemacht,
Den trefflichen Herzog von Sachsen.
Er war ein weiser, erlauchter Mann,
War würdig, die Krone zu nehmen an,
Und dem Scepter des Reiches gewachsen.

Er aber zufriedenen Herzens spricht
Mit Blicken, die Hoheit verriethen:
"Mir Schwachem gebühret die Krone nicht,
Einem Anderen sei sie beschieden.
Mich drückt schon die Bürde des Alters schwer,
Was einst ich vermochte, vermag ich nicht mehr,
Wählt Konrad zum Schützer des Reiches!
Er ist auch ein starker, gewaltiger Damm,
Und ob er auch sei aus der Franken Stamm,
Vergelt ich mit Gleichem nicht Gleiches!"

So sprach er mit deutschem Biedersinn,
Und alle staunten der Rede;
Doch Konrad nahm dankbar die Krone hin
Und schlichtete jegliche Fehde.
Es hob sich des Reiches gefürchtete Macht,
Nachdem er gewaltig im Donner der Schlacht
Die Feinde zu Paaren getrieben.
Selbst Heinrich, Ottos hochherziger Sohn,
Er schmiegte sich willig dem mächtigen Thron,
Ist fürder ein Freund ihm geblieben.

Doch wußt er noch mehr, als mit kräftigem Arm
Die blutige Fehde zu schlichten;
Er glühte im Busen so heiß und so warm
Für höhere, heilige Pflichten.
Er ehrte sein würdiges Ahnengeschlecht,
Er übte im Frieden mit Strenge das Recht
Und herrschte mit Sanftmuth und Milde.
Doch schloß sich sein Auge der irdischen Welt
Zu früh; es erreichte als muthigen Held
Der Tod ihn auf blutgem Gefilde.

Als einstens mit seiner Tapferen Schaar,
Den Stolz der Ungaren zu rächen,
Er wieder zu Felde gezogen war,
Da sollte sein Schicksal sich brechen.
Und Konrad kämpfte zum letzten Mal,
Es traf ihn gewaltig der feindliche Stahl
Und gab ihm die tödtliche Wunde.
Zu Limburg lag er ermattet da,  *)
Schon fühlt er die Schauer des Todes so nah,
Da sprach er mit sterbendem Munde:

"Mein Bruder! Ich fühl es, der Todesschmerz
Durchzuckt mir die nervigen Glieder;
Doch quälet noch eine Sorge mein Herz
Und dann leg ich ruhig mich nieder.
Das Reich war mir immer mein heiligstes Gut,
Ihm opfert ich willig mein Leben und Blut;
Nun ist es verwaist und verlassen!
Und wüßt ich dem Reiche nicht kräftige Wehr,
Wie schlöß ich mein Auge jetzt thränenleer,
Und könnt ich jetzt ruhig erblassen?

Nur Der besteige den ledigen Thron,
Der dem Scepter des Reiches gewachsen,
Und dies ist Ottos hochherziger Sohn,
Der wackere Heinrich von Sachsen!
Geh hin, mein Bruder, und werde sein Freund
Und bleib ihm durch ewige Treue vereint,
Begrüß ihn als Herrscher des Reiches!
Er, als seines Vaters würdiger Sohn,
Besteige nach mir den verlassenen Thron,
Vergolten mit Gleichem sei Gleiches!"

*) Anmerkung: Richtig muss es "Weilburg" statt "Limburg" heißen.


Quelle:
Nassau in seinen Sagen, Geschichten und Liedern fremder und eigner Dichtung
von Alois Henninger
Dritter Band
Die Lahn und der Westerwald
Wiesbaden
Druck und Verlag A. Scholz, 1845

Die Abschrift erfolgte nach einem bei der Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt vorhandenen Druckexemplar.


Biografisches

Friedrich Eich wurde in Worms geboren. Er besuchte das dortige Gymnasium und studierte dann Theologie von 1831-1833 in Gießen und Heidelberg. Später lebte er als Privatier in seiner Heimatstadt.

Eich veröffentlichte u. a.
Poetischer Blütenkreis, Worms 1834;
Gedichte in Unterhaltungsblättern, Almanachen und Zeitschriften 

----
Quelle:
Scriba, Heinrich Eduard
Biographisch-literarisches Lexikon
der Schriftsteller des Großherzogthums Nassau
2. Abt. 1843
----