Piseebau in Weilburg

Allgemeines zum Piseebau

Ein Haus zu bauen, gehört zu der Natur des Menschen, so lautete vor einiger Zeit ein Teil des Werbeslogans einer Bausparkasse und wahrscheinlich stimmt diese Werbeaussage sogar. Jedenfalls hat der Mensch schon früh in seiner Geschichte Unterkünfte gebaut, was ohne die erst später erfolgten technischen Entwicklungen nur mit natürlichem Material möglich war. Und ein zum Bauen relativ einfach zu nutzendes Material stand überall dort zur Verfügung wo Menschen lebten: Erde.

So ist es kein Wunder, dass Menschen schon vor Jahrtausenden Erde, auch unter Zumischung von Pflanzenfasern, Lehm u. a. Zusätzen, zum Bauen verwendeten. Gestampfte Mauern aus Lehmerde fanden sich bei Ausgrabungen in Jericho, die mit mehr als 8.000 Jahren als älteste Stadt der Welt gilt; in Ägypten wurden vor 4000 Jahren Ziegel aus getrocknetem Nilschlamm zur Auskleidung von Gräbern benutzt; der im 7. Jahrhundert vor Christus errichtete Turm zu Babel bestand aus Lehmerde und auch für den Bau der Chinesischen Mauer im 3. Jahrhundert vor Christus wurde in langen Abschnitten Lehmerde verwendet.

Aber auch in der jüngeren Geschichte fand Lehm im Hausbau vielfältige Verwendung. Viele Lehmbauten finden sich z. B. in Frankreich, Spanien, Italien, Marokko, Kolumbien, den Vereinigten Staaten und Australien. Die Anpassung an unterschiedlichste Anforderungen, die Beschaffenheit des Ausgangsmaterials, klimatische Bedingungen usw., führten im Laufe der bautechnischen Entwicklung zu etwa zwanzig unterschiedlichen Methoden bei der Erstellung von Erde/Lehmbauten. Die Lehmbauweisen lassen sich auf zwei Hauptverfahren zurückführen: Den Lehmsteinbau (Adobe) und den Stampflehmbau (Piseebau).

Im Lehmsteinbau werden Ziegel verwendet, zu deren Herstellung die Lehmerde - abhängig von ihrer Beschaffenheit - mit Wasser und Pflanzenfasern vermischt und dann in Formen gestrichen oder gepresst und an der Sonne getrocknet wurde.

Beim Piseebau wird die Lehmerde zwischen zwei Schalbretter eingefüllt und festgestampft. Auch hier kann entsprechend der Materialbeschaffenheit eine Aufbereitung mit Zusatzstoffen erfolgen. Einen Piseebau kennzeichnen die Merkmale:

  • Verwendung von Erde (evtl. mit Zusatzstoffen) als Baumaterial,
  • Einbringen der Erde in Schalungen,
  • Feststampfen der Erde,
  • Lastabtrag des Bauwerks über die aus Erde aufgeführten Mauern.

In dem 1819 veröffentlichten Werk Westöstlicher Diwan", "Buch der Sprüche", von J. W. v. Goethe sind diese Verse zum Piseebau finden:

Getretner Quark
Wird breit, nicht stark.

Schlägst du ihn aber mit Gewalt
In feste Form, er nimmt Gestalt.
Dergleichen Steine wirst du kennen,
Europäer Pisé sie nennen.

Ein Lexikon aus dem Jahr 1890 weist unter dem Stichwort "Pisee" folgenden Eintrag auf:

Pisee (franz. Pisé, Piseebau, Stampfbau), Bauart, bei welcher fette Erde, am besten fetter Lehm, zwischen Brettern zu Wänden aufgestampft wird. Die Fundamente und Plinthen mauert man von festem Gestein und gleicht sie durch eine Backsteinschicht aus. Bei Wohnungen müssen die Piseemauern eine Unterlage aus Backsteinen von mindestens 20 cm, bei Stallungen eine solche von 30 - 120 cm haben; auch muß das Dach weit vorspringen, überhaupt die Feuchtigkeit möglichst gut abgehalten werden, weil sich ausgewaschene Stellen nie dauerhaft reparieren lassen. Der Piseebau eignet sich besonders für einstöckige, ländliche Gebäude. Die Formen, zwischen denen man die Masse einstampft, bestehen aus 3 - 6 m langen, etwa 5 cm starken und 30 cm breiten gehobelten Dielen, welche durch Riegel, deren Länge von der Mauerdicke bestimmt wird, miteinander verbunden sind. Einstöckige Gebäude verlangen eine Mauerstärke von 50 - 75 cm, bei zweistöckigen gibt man den Mauern des unteren Stockwerks 15 cm zu. Sind die Mauern ganz trocken, so werden sie geputzt. Zu diesem Zweck trägt man eine 3 cm starke Schicht Lehm mit kurz gehacktem Stroh auf, streicht sie mit dem Reibebrett gerade und drückt, solange sie noch feucht ist, in einer Entfernung von etwa 5 cm walnußgroße Stücke einer porösen Steinart hinein. Nach dem Trocknen trägt man einen Mörtel aus gleichen Teilen reinen Kieses, frisch gebrannten Gipses und gelöschten Kalks etwa 2 cm stark auf, läßt denselben, ohne ihn zu glätten, langsam trocknen und streicht ihn dann mit Kalkfarbe an.

Hierher gehören auch die von Isenard in Odessa erfundenen Erdsteine, künstliche, in eisernen Formen gestampfte Steine aus trockener Erde, die zur Herstellung von Mauern und Wänden dienen, die eine große Tragfähigkeit nicht zu entwickeln haben und der Nässe nicht ausgesetzt sind.

Zum Kalksandpiseebau verwendet man reinen grobkörnigen Mauersand, welcher mit soviel Kalk gemischt wird, als gerade erforderlich ist, um die Zwischenräume zwischen den Sandkörnchen auszufüllen. Bei Stallgebäuden, oder wo man feuchten Grund hat, führt man ein Fundament von Back- oder Feldsteinen auf und gleicht im letztern Fall die obere Fläche durch eine Schicht Backsteine ab. Hierauf stampft man die Masse in 8 -10 cm starken Schichten in die Form ein, bis sie damit gefüllt ist, stellt dann eine zweite Form auf, füllt diese ebenfalls, entfernt nun die erste, stellt sie vor der zweiten auf u. s. f. Den zweiten Umgang macht man besser am zweiten Tag nach dem ersten, doch muß die zubereitete Masse stets an demselben Tag verarbeitet werden. Frische Arbeit ist vor Regenwetter zu schützen. Gute Resultate liefert auch der von Bernhardi eingeführte Kalkziegelbau. Vgl. Engel, Der Kalksandpiseebau (3. Aufl., Leipz. 1865); Bernhardi, Kalkziegelfabrikation und Kalkziegelbau (4. Aufl., Eilenb. 1873).


Quelle:
Meyers Konversations-Lexikon
Vierte Auflage, Leipzig und Wien,
Verlag des bibliographischen Instituts, 1890


Ein Lexikon von 1981 führt unter dem Stichwort Piseebau den nachfolgenden Eintrag auf:

Piseebau (Pisébau) [frz.; dt.], ältere Bez. für Stampfbau, Stampfbauweise (die Mauern werden durch Einstampfen von Lehm, Beton u. a. zwischen Schalungen hergestellt).


Quelle:
Meyers Konversations-Lexikon
neunte Auflage, Mannheim, Wien, Zürich,
Bibliographisches Institut, 1981


In der Brockhaus Enzyklopädie von 1992 ist zum Piseebau überhaupt kein Eintrag vorhanden.

Die Kürze des Lexikoneintrags von 1981 und das im Brockhaus von 1992 gar nicht enthaltene Stichwort "Piseebau" sind zwar nur Indizien für die heute unbedeutende Rolle des Piseebaus in unseren Breiten, stimmen jedoch mit der Tatsache überein, dass diese Bauweise -zumindest in hoch industrialisierten Ländern- nur ein Nischendasein fristet. Zwar haben im Zusammenhang mit der seit etwa 1980 verstärkten Diskussion über ökologische Alternativen auch Lehmbaumethoden vermehrtes Interesse auf sich gezogen und zu einer Weiterentwicklung des Lehmbaus geführt, dies konnte den Piseebau aber noch nicht aus seinem Schattendasein führen.

Tatsächlich war die Blütezeit des Piseebaus, auch gegenüber anderen europäischen und außereuropäischen Ländern, in Deutschland nur kurz. Sie beschränkte sich vor allem auf das 19. Jahrhundert und auf einige Jahre nach dem Ende der beiden Weltkriege 1918 und 1945. So wie in den Notzeiten nach dem 1. und 2. Weltkrieg der Baustoff Lehm wegen des Mangels an Baumaterial wieder entdeckt wurde, war es der gravierende Holzmangel, der Mitte des 18. Jahrhunderts zur Wiederentdeckung des Piseebaus und seiner Blütezeit im 19. Jahrhundert führte.

Der bereits im ausgehenden Mittelalter in manchen Regionen bestehende  Bauholzmangel führte in Sachsen bereits 1575 zu einer Anweisung an die Forstbediensteten Bauholz nur dann freizugeben, wenn es unmöglich ist die unteren Geschosse aus Steinen oder Lehmwellerwänden zu errichten.

Graf Johann Ernst von Nassau-Weilburg, in dessen Herrscherzeit Weilburg neu gestaltet wurde und der zahlreiche Fachwerkbauten erstellen ließ, verfügte am 11.Februar 1707 einen sparsamen Umgang mit Holz durch die Zimmerleute.

Sein Nachfolger Karl August erließ im März 1734 eine Bauordnung in welcher unter Bezug auf den Holzmangel verordnet wurde, dass einstöckige Häuser von Mauerwerk zu errichten seien und nur die Aufführung der Dächer mit Holz gestattet werde.

Ein Erlass Friedrich II. zur Einführung des Massivlehmbaus in Preußen  wurde 1764 in Kraft gesetzt und 1786 erfolgte in Sachsen die gesetzliche Einführung des Massivlehm- und Fachwerkbaus.

Neben dem Mangel an Bauholz der dem zu dieser Zeit vorherrschenden Fachwerkbau Beschränkungen auferlegte, gab es Argumente die sich für Steinbauten ungünstig auswirkten. So waren nicht überall geeignete Steine in ausreichender Menge verfügbar und die Steinbearbeitung war technisch und zeitlich weit aufwändiger, was die Kosten für Steinbauten wesentlich erhöhte. Die restriktive Freigabe von Bauholz und der ökonomisch und technisch erforderliche Aufwand für Steinbauten, begünstigten eine Rückbesinnung auf alte Lehmbautraditionen, z. B. auch in Frankreich.

Vor diesem Hintergrund veröffentlichte Franz Cointeraux,

ehemaligen Tapezierer in liegender Habe auf dem Land, oder ehemaligem Verordneten, auch geschwornem Feldmesser, Maurermeister, Ackerbauer und Baumeister

(so die Angaben auf der späteren deutschen Übersetzung) 1790 in Frankreich seine Schrift Ecole d'Architecture Rurale. Bereits 1793 erschien diese Schrift in deutscher Übersetzung unter dem Titel Schule der Landbaukunst oder Unterricht durch welchen jeder die Kunst erlernen kann, Häuser von etlichen Geschossen aus blossem Erd- oder anderem sehr gemeinen und höchst wohlfeilen Baustoff selbst dauerhaft zu erbauen.

Dieses Werk informierte über das Baumaterial, seine Bearbeitung, erforderliche Werkzeuge, die Schalungen, Bauablauf, Verputz usw. und beinhaltete auch eine Abhandlung von unverbrennlichen Gebäuden und der Art und Weise wie solche vermittels platter Gewölbe und Dächer aus Ziegelsteinen und Gips, ohne Zimmerarbeit, zu bauen sind. Verfasser dieser Abhandlung war Graf D'Espie, der sich als Erfinder eines ziegelsteinernen Daches bezeichnete.

Eine Druckschrift Über den verbesserten Pisé-Bau veröffentlichte 1822 der Kgl. Preuß. Regierungs-Bau-Inspektor S. Sachs. Dieser Schrift ließ Sachs 1825 eine Anleitung zur Erd-Bau-Kunst (Pisé-Bau); mit Anwendung auf alle Arten von Stadt- und Land-Bauten folgen, die auch eine vollständige(n) Lehre von der Konstruktion der Tonnen-, Kappen- und Kreuzgewölbe in reinem Lehm und von der Anfertigung feuersicherer Dächer ohne alles Holzwerk, auch einer Anweisung, die Fundamente bis auf den Baugrund in bloßem Lehm anzufertigen enthält. Für den Piseebau sprechende Gründe werden im Untertitel genannt:

Ein Handbuch für Baumeister und Landwirte und Alle, die trockene, warme, feuersichere und überaus wohlfeile Bauten auszuführen wünschen.

Der Weilburger Wilhelm Jakob Wimpf ( 25.10.1767-11.04.1839) veröffentlichte drei Schriften zum Piseebau, deren erste Der Pise-Bau, oder vollständige Anweisung äusserst wohlfeile, dauerhafte, warme und feuerfeste Wohnungen aus bloser gestampfter Erde, Pise-Bau genannt, zu erbauen. Aus 36jähriger eigener Erfahrung geschöpft. im Jahr 1837 erschien. Dieser Schrift folgte ein Nachtrag und dann eine weitere Ergänzung Über Gurten- und Kappengewölbe in Verbindung mit dem Pise-Bau, so dass mit diesen Schriften die kompletten Anweisungen für das Erstellen von Piseebauten vorlagen.