Piseebau in Weilburg

Piseebau nach W. J. Wimpf

Weilburg; Wimpf, Titelblatt seiner Schrift zum Piseebau

Wimpf, Titelblatt seiner Schrift zum Piseebau

W. J. Wimpf vollendete am 1. Juni 1836 seine erste Schrift zum Piseebau mit dem Titel: Der Pise-Bau, oder vollständige Anweisung äusserst wohlfeile, dauerhafte, warme und feuerfeste Wohnungen aus bloser gestampfter Erde, Pise-Bau genannt, zu erbauen. Aus 36jähriger eigener Erfahrung geschöpft.

Die Anweisung hatte Wimpf handschriftlich in der damals verwendeten Kanzleischrift verfasst und fünf lithografierte Tafeln mit detaillierten Zeichnungen zur Vorgehensweise beigefügt. Vielleicht wurden die Anleitung und die zugehörigen Tafeln von Wimpf, dem "Besitzer mehrerer Fabriken", in seiner Steindruckerei in Weilburg hergestellt. Vertrieben wurde die 1837 erschienene erste Druckausgabe "In Commision bei L. E. Lanz. Weilburg".

Ein Nachtrag zu dieser Schrift und eine weitere Ergänzung über Gurten- und Kappengewölbe in Verbindung mit dem Piseebau wurde im Buchdruck bei der Druckerei Lanz in Weilburg verlegt. Eine zweite Ausgabe der Anweisung von 1837 erschien 1841 bei J. D. Classische Buchhandlung, Heilbronn.

Die nachstehenden Textauszüge entstammen einem Original der 1837 durch L. E. Lanz vertriebenen Schrift, wobei die hier wörtlich zitierten Teile durch kursiven Schriftschnitt gekennzeichnet sind. Die Übertragung erfolgte Wort- und Zeichengenau.

Im Vorbericht seiner Schrift zeigt Wimpf die Nachteile des Stein- und Holzbaus auf und gibt eine kurze Zusammenfassung über die Erstellung eines Piseebaus und dessen Vorteile.

Der Steinbau ist nach Wimpf

. . . solid, aber kostspielig. Das Brechen der Steine, deren Beifuhr, der Kalk, Sand, sogar das Wasser, das oft aus der Ferne herbeigeschafft werden muß, der hohe Arbeitslohn, die kostspieligen Gerüste, das Handreichen der Materialien, das Ausgraben der Fundamente, und Keller, die Wegschaffung des ausgeworfenen Schuttes, . . . machen diese Bauart höchst kostspielig und viele Bauherrn werden dadurch ruiniert, . . . Dabey sind diese gemauerten Gebäude kalt, öfters feucht, wo man keine trocknenden Steine hat, sie schwitzen bey feuchter Witterung, schlagen bei kalter aus und zerstören den Bewurf durch Frost.

Am verwerflichsten sind für Wimpf die aus Holz errichteten Häuser, weil für eine

Bauernhofraithe ein halber Wald hundertjähriger Eichen gefällt und herbeigefahren werden muß, die der erste Brand in Asche legt und dabei noch die benachbarten Gebäude gefährdet, wo alle paar Jahre Schwellen und Eckpfosten faulen und die Reparaturen kein Ende nehmen. . . . und ein solches Haus gewährt doch so wenig Schutz gegen äußere Gewalt, gegen Hitze und Kälte und Brand.

Im Anschluss gibt Wimpf eine Zusammenfassung der Erfordernisse für die Erstellung eines Piseebaus.

Wie einfach und bescheiden stehet dagegen der Pisé-Bau. Das Ausgraben der Fundamente und Keller liefert gewöhnlich den ganzen Baustoff, der gar nichts kostet. Muß auch, wenn die Erde entweder zu fett oder zu mager ist, etwas andere zur Mischung beigefahren werden, so dient dazu ein Gefährt, und dies dauert nur so lange, als die Stampfarbeit dauert, die sehr schnell fördert.

Sind die Fundamente, die bei jedem Bau, der Last tragen soll, gut seyn müssen, ausgegraben, so mauert sie der Maurer nur einige Fuß über Erde, soweit der Dachtrauf spritzet aus; dann schlägt der Pisébauer seine Formen darauf, lässt die Erde nach und nach in dieselbe schütten und feststampfen, . . . . In die in der Erdwand angebrachten Löcher . . . werden Rüsthebel gesteckt, auf diese eine Bohle gelegt und diese einfache Rüstung so weiter fortgerückt, und es kostet auch dies ganze Gerüste gar nichts.

. . . Ist der erste Stock in der Höhe, so legt man wie bei einem gemauerten Gebäude Mauerlatten nach der Setzwage ein, dollet auf diese die Balken, die somit den ganzen Bau verspannen, und verfährt dann gleich mit den folgenden Stöcken ebenso. Statt kostspieliger steinerner Thür- oder Fenstergespunde, genügt ein einfacher Sturz von 6 bis 7 zölligem Holz, und erst wenn der Bau ausgetrocknet ist, setzt man ein gewöhnliches hölzernes Futter ein . . .

Wenn die äußeren Wände im untern Stocke 20, im 2ten 18, im 3ten 16 und im 4ten 14 Zoll dick sind, eine größere Dicke ist unnöthig, ja sogar schädlich, so genügt zu den Scheidewänden die Dicke von einem Fuß. -Bei dem inneren und äußeren Verputz läßt sich dieselbe Eleganz wie bei anderen Gebäuden anbringen. Man muß aber denselben nicht eher machen, bis die Wände durchaus ausgetrocknet sind.

In den letzten Absätzen seines "Vorberichts" weist Wimpf nochmals auf die Vorteile des Pisébaus hin, auf die von ihm selbst gemachten Erfahrungen und sein finanzielles Eigenrisiko.

Der Verfasser, der sich seit 36 Jahren mit dieser nützlichen Bauart beschäftiget hat, besitzt große Fabrikgebäude von 200 und mehr Fuß Länge verhältniß mäßiger Tiefe, drei- und vierstöckig, andere von 100, 60 und 50 Fuß in denen tobende Wassermühlwerke befindlich sind, die mehr Gepolter und Erschütterung machen als vielleicht je in einem Hause statt hat, und worin die Speicher, außer der schweren Last in den Zimmern, Hunderte von Zentnern Früchte, Heu und Stroh, und anderen schweren Gegenständen tragen, ohne daß sich nur eins dieser mehr als 1000 Fuß Fronte bildenden Gebäude in seinem Inneren noch Äußeren im mindesten verändert hätte.

. . . (die Anweisung ist) nicht etwa aus Büchern compilirt, sondern aus eigener Erfahrung und zwar nicht auf fremden Beutel sondern dem eigenen geschöpft und ausgespitzt . . .

Es folgt der Abschnitt Erfordernisse und Grenzen des Pisé-Baues. In diesem Abschnitt geht Wimpf unter anderem detaillierter auf die Beschaffenheit der zu verwendenden Erde, eventuelle Erdbeimischungen und Vorsorge im Zusammenhang mit Feuchtigkeit und Dampf ein, sowie auf die Erstellung des Kellergewölbes, wobei Wimpf dem Gurten- und Kappengewölbe den Vorzug gegenüber dem Tonnengewölbe gibt.

Im Abschnitt Beschreibung der dazu nöthigen Geräthschaften führt Wimpf die erforderlichen Werkzeuge (u. a. Zwerghacke, Setzwaage, Senkel, Winkel, Bohrer, Kelle, Nägel, hölzerne Klopfer, Beile, Schnur) ebenso auf, wie das für die Erstellung der Einschalungen erforderliche Material.

Detailliert beschreibt Wimpf dann das Aufschlagen der Formen, wozu er anmerkt

Von der Akuratesse dieser Arbeit hängt alles ab, daher ich sie auch etwas umständlich beschreiben mußte.

Ebenso genau beschreibt  Wimpf aber auch die weiterführenden Bauarbeiten mit dem Einfüllen und Stampfen der Erde, Fertigung von Fenster- und Türöffnungen, Erstellung der Scheidewände und dem Abschlagen der Formen zur Fortführung der Arbeiten.

Nach den detailgenau beschriebenen Arbeiten bis zur Fertigstellung des ersten Stockwerks, fährt Wimpf in seiner Schrift mit dem Abschnitt "Das Balkenlegen" fort. Hier finden sich seine Anweisungen für die Erstellung der Balkenauflagen und den Fortgang der Arbeiten für weitere Stockwerke.

Im Abschnitt Erfordernisse und Grenzen des Pisé-Baues; war Wimpf schon auf grundsätzliche Maßnahmen zum Schutz des Baus vor Feuchtigkeit eingegangen. Die Abschnitte Verwahrung der aufgestampften Wände vor dem Regen und Schutz der Pisé-Wände auf der Wetterseite; beschreiben die entsprechenden Schutzmaßnahmen während der Bauphase. Dazu schreibt Wimpf unter anderem:

Jeden Abend wo man mit der Arbeit aufhört muß man die Wände vor Regen wahren. Man macht sich hierzu Dächer von breitem Bord.  . . . Dieser Dächer muß man so viele haben, daß man den ganzen Bau mit den Scheidewänden des Abends überdecken kann.  . . . Werden die Formen an einem Tag nicht voll, so muß man auch so viele breitere Dächer haben, die die ganze Form überragen. . . . Wo der Regen nicht wider die Wände schlagen kann, können sie viele Jahre lang ohne allen Bewurf stehen. . . . Wo aber der Regen hinschlägt, schützet man die Wand bis zum völligen Austrocknen durch einen dünnen Spritzwurf. . . . Dieser Spritzwurf schützet zwei Jahre lang, wenn man ihn den Herbst an den schadhaft gewordenen Stellen ausbessert.

Wegen der Gefährdung eines Piseebaus durch eindringende Feuchtigkeit, widmet Wimpf einen Abschnitt dem notwendigen Verputz und betitelt diesen Abschnitt mit Der aeussere Bewurf. Der Bewurf wird angebracht, wenn

der Bau völlig ausgetrocknet (ist), was selten in einem Jahr durch und durch geschieht.

Dazu ist die Wand

von oben nach dem Richtscheit mit Strohleimen auszugleichen. In diesen nassen Strohleimen reibt man gleich nicht zu dünnen Haarspeiß ein, stupfet denselben mit einem stumpfen Besen von oben herab schräg in den Strohleimen ein und fährt so fort bis nach unten. . . . Man läßt nun diesen rauhen Bewurf austrocknen, und überzieht ihn dann zum zweitenmal mit Haarspeiß, den man sorgfältig abglättet . . . .

In den letzten Abschnitten seiner Schrift geht Wimpf noch einmal ausführlich auf die Vorteile der Piseebauten ein, deren Festigkeit und kostengünstige Erstellung. Er widerspricht einigen der gegen den Piseebau vorgebrachten Begründungen und stellt einen Kostenvergleich zwischen den Bauweisen an. Vehement polemisiert er dabei auch gegen Architekten und die im traditionellen Stein- und Holzbau verhafteten Bauhandwerker. Und harsche Kritik übt Wimpf auch an der von Cointeraux und dessen Befürwortern publizierten  Lehmbauweise.

Wenn auch in manchen Formulierungen Wimpfs Streitlust, Rechthaberei und das Selbstbewußtsein eines erfolgreichen Geschäftsmanns zu Tage tritt, so wird doch deutlich, wie sehr ihm vor allem an einer Verbesserung der Wohnsituation der ärmeren Bevölkerungsschichten gelegen ist.

Anmerkung:
Ein Fuß (Schuh) = 30,6 cm, ein Zoll ca. 3 cm