Geschichtliches zu Weilburg

Urkunden zu Weilburgs Stadtrechten

Freiheitsbrief der Stadt Weilburg und Frankfurter Artikelbrief

Verfasser des nachstehenden Beitrags ist Herr Bernd Schrupp, der die Veröffentlichung seines Beitrags in dieser Homepage freundlichst genehmigt hat. Dafür danke ich an dieser Stelle herzlich.

Bei evtl. Fragen und Hinweisen wenden Sie sich bitte per E-Mail an den Autor Bernd Schrupp

Am 29.12.1295 verlieh König Adolf von Nassau (s. a. Geschichte der Stadt Weilburg) "seiner" Stadt Weilburg einen Freiheitsbrief, mit dem auch die Verleihung der Stadtrechte verbunden war.

Die Verleihung der Stadtrechte war zu allen Zeiten - bis heute - für die "C'vitas" (lat. Stadt, Gemeinwesen) ein besonderes Ereignis für seine Bürger und ein Meilenstein in der Stadtgeschichte. So bilden Jahrestage der Stadtrechtsverleihung auch immer wieder willkommene Anlässe zu großen Feiern, in denen die Stadtgeschichte mit Festumzügen bis in die heutige Zeit gerne nachgezeichnet wird.

So ist und war die Stadtrechtsverleihung auch für Weilburg und seine Bürger, zuletzt zur 700-Jahr-Feier der Stadtrechte 1995, ein besonderes Ereignis. Aber Weilburg wäre eben nicht das walramisch-nassauische Weilburg, wenn es dazu nicht auch noch eine nette Anekdote zu berichten gäbe.

Die Verleihung der Stadtrechte war seit Alters her verbunden mit den Freiheitsrechten für seine Bürger und begründete auch die bekannte, sprichwörtliche Redensart: "Stadtluft macht frei". Diese Rechte bestanden im Wesentlichen in dem Recht Wochenmärkte abzuhalten, die der Förderung der ökonomischen Grundlagen dienten und die wirtschaftliche Entwicklung anschob. Weitere Privilegien waren eine gewisse städtische Selbstverwaltung mit dem Stadtgericht (Stadtrat) und seinem Vorsitzenden dem Stadtschultheißen, einem Bürgermeister, einem Stadtbaumeister und Einrichtungen der inneren Sicherheit mit Strafvollzug. Gleichwohl nahm die in der Stadt ansässige Herrschaft, die Grafen von Nassau, oft und gerne, auch über ihre eigentlichen Kompetenzen hinweg und zum Unmut der Stadthonoratioren, Einfluss auf die Stadtpolitik.

Heute wird auf Antrag der Kommune, nach den jeweiligen Bestimmungen der Gemeindeordnung, die Stadtrechtsverleihung von der Landesregierung - ohne materielle Rechtsänderungen zu Gunsten der neuen Stadt - vorgenommen. Wie es die mit der Stadtrechtverleihung verbundenen Privilegien vermuten lassen, war im ausgehenden Mittelalter die Initiative allerdings nicht nur von der Bürgerschaft ausgehend, sondern wesentlich auch von den (politischen) Interessen der Landesherren bestimmt.

Die Grafen von Nassau, zunächst als Vögte (Verwalter) und Lehensmänner des Wormser Domstifts von den Bischöfen von Worms eingesetzt, erlangten in und um Weilburg eine gewisse Eigenmacht und schafften letztendlich auch durch die "normative Kraft des Faktischen" Tatsachen. Um der Sache auch einen legalen Anstrich zu verpassen, kauften die von Nassau dem Wormser Domstift das Pfandrecht ab (denen wohl auch nichts anderes übrig blieb). Das war im Jahre 1294. Um ihre "landesherrliche" Legimitation und das politische Gewicht der neuen kleinen Herrschaft deutlich zu machen, suchten die Grafen von Nassau natürlich auch die Gelegenheit, den königlichen Verwandten (welch Zufall), König Adolf, zu veranlassen, "seiner Stadt Weilburg" den dazu notwendigen Freiheitsbrief auszustellen.

Nun waren die Beamten am Zuge. Die Stadtrechte mussten schwarz auf weiß her, zumal der Freiheitsbrief des königlichen Vetters nur vage davon sprach, die Freiheitsrechte ... derer sich unsere Stadt Frankenfort erfreut ... zu bewilligen. Was waren aber diese Rechte? Da sich der König auf die Rechte der Stadt Frankfurt bezog, musste dort ja auch ein entsprechender Vorgang existieren, schlossen die Weilburger "Beamten" messerscharf. Nichts erfreut einen deutschen Beamten mehr, als das Er auf einen bereits bestehenden "Vorgang" zurückgreifen kann. Flugs entsandte man eine Delegation nach der Stadt Frankfurt, um im Sinne des königlichen Hinweises dort eine Abschrift der Stadtrechte einzuholen. Die Frankfurter Stadtherren reagierten allerdings entsetzt, ob dieses absonderlichen Ansinnens der Provinzler, hatte man doch bisher die Stadtrechte nach dem Motto: "Haben wir immer schon so gemacht, haben wir noch nie so gemacht und da könnt ja jeder kommen" interpretiert; es wurde in Frankfurt nach "hergebrachten Grundsätzen" regiert (übrigens heute noch ein wesentlicher Bestandteil unseres derzeitigen Beamtenrechts -Art. 23 Abs. 5 GG-). Die Weilburger mussten zunächst unverrichteter Dinge nach Hause zurück und Weilburg lebte fortan insoweit in einem rechtsfreien Raum.

In Frankfurt zog man sich zur Beratung zurück, beauftragte wahrscheinlich einen Ausschuss, der seinerseits eine Kommission einsetzte, die sich durch einen Sachverständigenrat beraten ließ; jedenfalls lässt die Zeit, die Frankfurt brauchte um die Stadtrechte nunmehr schriftlich zu kodifizieren darauf schließen. Am 05.02.1297 - immerhin nach 13 Monaten - konnte man die Weilburger Kollegen mit den nunmehr geschriebenen und gesiegelten Stadtrechten bedienen. Dieses Verfahren, dass "jüngere" Städte sich bei den schon beliehenen Städten die Stadtrechte "abholten" war zu dieser Zeit üblich. Da aber - wie an dem Beispiel Frankfurt gezeigt - das geschriebene Recht durchaus unterschiedlich sein konnte, bildeten sich je nach "Mutterkodex" der Stadtrechte sog. Stadtrechtsfamilien.

Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Die nunmehr erstmalig verfassten und gesiegelten Stadtrechte konnten die Weilburger Stadtherren immerhin 173 Jahre sicher aufbewahren und als Grundlage ihrer Stadtverfassung (heute Satzung) benutzen. Ein Missgeschick, das nicht überliefert ist, hat wohl Urkunde und Siegel beschädigt. Um die Rechtssicherheit der Rechtsgrundlage nicht zu gefährden, zogen die Stadtherren oder deren Abgeordnete erneut nach Frankfurt und baten dort um die Neuausstellung der Stadtrechtsurkunde, da ... das alte Siegel zerbrochen war .... Allerdings gab es abermals Schwierigkeiten. Die Frankfurter Stadtherren lehnten die Neuausstellung mit dem Argument ab, dass eine Abschrift nicht infrage komme, da sich in den 170 Jahren zwischendurch doch einiges geändert habe.

Die schlauen Frankfurter jedoch, die zwischenzeitlich vermutlich wohl ihr Exemplar von 1297 "verzottelt" hatten, fertigten sich doch sicherheitshalber eine Kopie des vermeintlich durch das beschädigte Siegel ungültigen Dokumentes an und bewahrten es in Ihrem Archiv bis heute auf. Dadurch könnten sich die Weilburger Bürger rühmen, der Initiator des ältesten geschriebenen Stadtrechts der großen Stadt Frankfurt zu sein; wofür sie sich allerdings nichts kaufen können.

Das Stadtarchiv der Stadt Frankfurt sagt dazu:
Abschrift einer lat. Urkunde:

Copie enis br(ieves), als die von Wilburg han mit der stede Fr(ankfurt)
insiegel besigelt, und si brachten den her und baden, yne der rad
abgesclagen, dann der artickel sich vil nu verandert han.

(Auszug aus dem Urkundenbuch der Stadt Frankfurt, Bd. I, Seite 348, 350-351, Fußnote zu Ziff. 704, zur Verfügung gestellt von Herrn Dr. Roman Fischer.)

Freie Übersetzung:

Das ist die Kopie eines (Freiheits-) Briefes, der für die Stadt Weilburg (anlässlich deren Stadtrechtsverleihung) in Frankfurt verfasst wurde und mit dem Siegel der Stadt Frankfurt gesiegelt war. Die Weilburger brachten nunmehr den Brief wieder und baten, diesen neu zu siegeln, da das alte Siegel zerbrochen war. Der Rat der Stadt Frankfurt hat dies jedoch abgeschlagen, da sich die Artikel des (Freiheits)-briefes zwischenzeitlich Wesentlich (viel) verändert haben.

In der Folge zeitigten mehrere Versuche der Stadtväter, wenigsten von ihrem Stadt- und Landesherren - auch wegen der unterschiedlichen Interessenlage - ein neues, modifiziertes Stadtrecht zu erlangen, keinen Erfolg. Man musste sich mit den alten Vorschriften und mit der Herrschaft arrangieren. Erst mit dem Regierungsantritt des Grafen Johann-Ernst im Jahre 1683 bekam die Angelegenheit einen neuen Impuls. Am 17.04.1685 wiederholte der Graf in einem Freiheitsbrief die Privilegien für die Stadt und begründet den Akt wegen dem ... willigen Gehorsam und die treue und untertänige Zuneigung der Bürger und lieben getreuen Untertanen Unserer Residenz-Stadt Weilburg".

(Zitat aus: "Weilburg an der Lahn, Lexikon zur Stadtgeschichte", Seite 392)

So ganz glücklich waren die Weilburger Bürger jedoch damit nicht.

  • Literatur:
  • Armin Kuhnigk, Geschichte der Stadt Weilburg,
    Magistrat der Stadt Weilburg, 1972;
  • Weilburg an der Lahn, Lexikon zu Stadtgeschichte,
    Kreisausschuss des Landkreises Limburg-Weilburg, 1997;
  • Dr. C. Spielmann, Geschichte von Nassau, (Land und Haus),
    Verlag P. Plaum, Wiesbaden,
    Stadtarchiv Frankfurt/Main;
  • Pierre Even, Dynastie Luxemburg/Nassau, Verlag Schortgen Luxemburg, 2000

© Bernd Schrupp, 2003