Sehenswert in Weilburg

Schlossanlagen

Stadt- und Schlosskirche, Baugeschichte

Weilburg, Lahn, Schlosskirche am Marktplatz mit Neptunbrunnen

Turm der Stadt- und Schlosskirche, daneben das "Alte Rathaus"

Im Jahr 912 gründete König Konrad I zum Andenken an seinen Vater, Konrad den Älteren, ein Chorherrenstift und ließ die Stiftskirche St. Walpurgis errichten, geweiht der Jungfrau Maria und der Heiligen Walpurgis. Unter Graf Philipp I. von Nassau-Weilburg (1371-1429) wurde diese 1397 niedergelegt und an deren Stelle die dem heiligen Andreas geweihte St. Andreaskirche erbaut.

Als Choranbau an die Stiftskirche St. Andreas wurde 1508 mit der Erweiterung durch den Neubau einer Kirche begonnen, die dem Heiligen Martin geweiht war und als St. Martinskirche die Funktion einer Stadtkirche für die Bürger Weilburgs  innehatte. Baumängel und fehlende finanzielle Mittel waren dann aber wahrscheinlich der Grund dafür, dass dieser Bau auf Jahre hinaus in nur halb fertigem und baufälligem Zustand verblieb. Wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Kirchenreformation und der Auflösung der kirchlichen Niederlassung Pfannstiel 1538 unter Graf Philipp III. (1523-1559), konnte dann aber noch im gleichen Jahr der Bau vollendet werden, wobei die Fertigstellung des Kirchturms allerdings erst 1559 erfolgte. Philipp III. ließ auf dem Turm einen kupfernen Wasserbehälter mit einem Fassungsvermögen von 500 Ohm (ca. 80 cbm) installieren: Dieser wurde von der Brückenmühle durch ein Wasserrad betriebenes Druckwerk gespeist wurde und diente der Wasserversorgung der im Schlossgarten neu angelegten Springbrunnen.

Weilburg, Lahn, Schlosskirche am Marktplatz vor der Renovierung des alten Rathauses

Stadt- und Schlosskirche am Marktplatz. Die Öffnungen des Arkadengangs im "Alten Rathaus" sind noch nicht durch Fenster und Zugangstür geschlossen und auch in den Blendfassaden an der Südwestecke sind noch keine Fenster eingebaut.

Als ein Ergebnis der Reformation wurde am 5. Januar 1555 das Walpurgisstift aufgelöst und die St. Andreaskirche und St. Martinskirche zu einer lutherischen Kirche vereinigt.

Im Zuge der gesamten Stadt- und Schlosserneuerung unter Graf Johann Ernst von Nassau-Weilburg erfolgte auf dem Platz der früheren Doppelkirche in den Jahren 1707-1712/13 der Bau der heutigen Stadt- und Schlosskirche als Stadt- und Hofkirche. Erhalten blieb von der alten Kirche der Kirchturmstumpf bis zur Gesimshöhe, womit dieser wohl das älteste in Weilburg noch vorhandene Bauteil darstellt. Architekt des Kirchenneubaus war Julius Ludwig Rothweil, der Baumeister des Grafen Johann Ernst, der auch für die übrigen Neubauten unter Johann Ernst verantwortlich war.

Die erste Taufe in der Kirche fand am 12. Januar 1712 statt, über ein Jahr, bevor die Kirche im August 1713 geweiht wurde.

Die Außenmauern des bauwerks umschließen nicht nur den Kirchenraum, sondern auch das Rathaus der Stadt Weilburg. An der dem Marktplatz zugekehrten Westseite wurde ein neues Rathaus (heute das "Alte Rathaus") gebaut, dessen Erdgeschoss mit einem Arkadengang gestaltet war. Mit dem Neubau des in den Baukörper der Kirche integrierten Rathauses wurde das zuvor bestehende Rathaus ersetzt, welches den umfangreichen Neubaumaßnahmen im Stadt- und Schlossbereich hatte weichen müssen. Die offenen Arkaden sind heute mit Fenstern bzw. Türen geschlossenund dort befindet sich das "Rathaus-Café".

Weilburg, Lahn, Nassauische Elle am Alten Rathaus

Nassauische Elle

An einem Pfeiler des "Alten Rathauses", Zugangstreppe des "Rathaus-Cafés", befindet sich ein eisernes Muster für das Längenmaß der Nassauischen Elle, die als Maßangabe bis 1872 galt. Käufer konnten anhand dieses Musters z. B. bei einem Kauf überprüfen, ob die angegebene Länge mit dem tatsächlichen Maß übereinstimmte. Die Nassauische Elle war 60,3 cm lang, damit ca. 6 cm länger als die Frankfurter Elle und ca. 6 cm kürzer als die Preußische Elle.

Weilburg, Lahn, Schlosskirche, Ostseite

Stadt- und Schlosskirche, Ostseite, rechts die obere Orangerie

Entsprechend ihrer Funktion als Stadt- und Schlosskirche wurde der Kirchenbau über einen besonderen Kirchengang mit dem Schloss verbunden. Diese Verbindung besteht über die obere Orangerie, die so den Zugang des Hofes vom Schloss zur Kirche ermöglichte um dann, über ein gesondertes Treppenhaus, in die Herrscherloge zu gelangen. Diese befindet sich in einer halbkreisförmigen, durch Bögen abgetrennten Großnische im I. Obergeschoss des Kirchensaals.

In dem beim Kirchenneubau erhöhten Turm fand anfangs auch wieder der Wasserbehälter aus der Zeit Philipp III. seinen Platz. Nachdem unter Johann Ernst eine neue Wasserversorgung geschaffen worden war, wurde der Behälter entfernt und später fand dort die von dem Hanauer Uhrmacher W. Block gelieferte Turmuhr ihren Platz.

Die Gesamtkosten des Kirchenneubaus wurden vollständig aus der Schatulle Johann Ernsts bezahlt. Doch bald nach dessen Tod im Jahr 1719 wurde darüber diskutiert, wer die künftigen Unterhaltskosten zu tragen habe. Der Landesherr kam für diese Kosten nicht mehr auf und so kam es 1736 zu einer Kirchenstuhlordnung, die u. a. den Verkauf und die Kosten der Kirchenstühle regelte.

Fürst Karl (1753-1788) übereignete den Kirchenbau der Evangelischen Gemeinde und übernahm auch wieder die Unterhaltspflicht für sich und seine Rechtsnachfolger. Diese Unterhaltspflicht ging 1866 mit der Auflösung des Herzogtums Nassau an Preußen über. Nach 1945 fiel die Unterhaltspflicht dem Land Hessen zu und ging 1959 an die Landeskirche Hessen-Nassau über.

1897 wurde die Turmkuppel mit dem Kreuz und dem Engel renoviert. 1909 wurde die Gasheizung der Kirche durch eine Zentralheizung ersetzt, die Gasbeleuchtung wurde 1928 durch elektrische Beleuchtung abgelöst. 1958 musste ein neuer Glockenstuhl eingebaut werden und es wurden umfangreiche Sanierungsarbeiten am Turm ausgeführt. 1960 wurde auch der Turmaufbau niedergelegt und dieser dann neu aufgeführt. Die Höhe des Turms bis zur Kreuzmitte beträgt 47,75 m.

In den Jahren 1989 bis 1992 musste die Kirche geschlossen werden, da Einsturzgefahr für die Kirchenkuppel und den Dachstuhl festgestellt worden war. Ebenfalls 1989 erfolgte eine Neugestaltung des Rathauses. Dabei wurden im Obergeschoss Veranstaltungsräume geschaffen und im Erdgeschoss ein Café eingerichtet. Im Zusammenhang mit diesen Arbeiten wurden die bisher offenen Arkaden mit Fenstern geschlossen und in die Blendfassaden der Südseite Fenster eingebaut.

Einen Text zur Stadt- und Schlosskirche mit Abbildungen finden Sie unter der Überschrift "Die Stadt und Schlosskirche Weilburg. Zeugnis lutherischen Glaubens im Zeitalter des Barock" im Abschnitt "Geschichtliches" und über den Link:
"Stadt- und Schlosskirche Weilburg. Zeugnis lutherischen Glaubens ..." .


Quellenangaben:
Chronik der Schloßkirche zu Weilburg
Carl Wehrum
Evangelische Kirchengemeinde Weilburg an der Lahn
ohne Jahresangabe
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Die Loge des Grafen Johann Ernst und seiner Familie in der Evangelischen Schloßkirche in Weilburg
Kathrin Ellwardt, Reiner Braun
ohne weitere Angaben
http://www.kathrin-ellwardt.de
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Die Bau- und Kunstdenkmäler des Lahngebiets
Ferdinand Luthmer
Unveränderter Neudruck der Auflage von 1907 Dr. Martin Sändig oHG, Walluf, 1973
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Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland
Landkreis Limburg-Weilburg Band II
Landesamt für Denkmalpflege
Falko Lehmann
Friedrich Vieweg & Sohn Braunschweig/Wiesbaden, 1994