Sehenswert in Weilburg

Schlossanlagen

Stadt- und Schlosskirche, Innenraum

Weilburg, Lahn, Grundriss der Schlosskirche

Stadt- und Schlosskirche, Grundriss
1 Altar, 2 Altarnische mit Kanzel und Orgel, 3 Herrscherloge, 4 Cavalierstuhl,
5 Fräuleinstuhl, 6 Fensterfront (Ostseite), 7 Marktplatzeingang (Südseite),
8 Marktplatzeingang (Westseite), 9 Kirchturm, 10 obere Orangerie (Kirchengang vom/zum Schloss, 11 Schlossgarteneingang, 12 Arkadenhalle im Rathausteil,
13 Rathaus
(Quelle: Die Bau- und Kunstdenkmäler des Lahngebiets, Ferdinand Luthmer, 1907, Neudruck: Dr. Martin Sändig oHG., Walluf, 1973

Bei den Planungen für das Kirchenschiff einer evangelischen Predigtkirche waren besonders die Ansprüche nach einer guten Akustik - der Prediger sollte überall gut zu verstehen sein - und einer möglichst freien Sicht auf Altar und Kanzel zu erfüllen. Dazu kamen die Ansprüche an ein gleichzeitig als Hof- und Stadtkirche dienendes Gotteshaus und das im 18. Jahrhundert besonders ausgeprägte Ideal einer symmetrischen Einrichtung und Raumaufteilung.

Rothweil erfüllte diese Ansprüche u. a. durch den Bau eines fast quadratischen Kirchenschiffs (24 x 18 m), in dem die Stadt- und Landbevölkerung ihren Platz im Parterre erhielt, während Regent und Hofadel den Gottesdienst aus Logen verfolgen konnten. Die Anordnung der Sitzplätze für die Bevölkerung ließ die Mittelachsen frei und vermied so, dass dem Regenten der Rücken zugewandt wurde. Das liturgische Zentrum in der Kirche schuf man durch die Anordnung der Kanzel über dem Altar und überkrönte beide mit der Orgel.

Weilburg, Lahn, Schlosskirche, Kanzelaltar

Stadt- und Schlosskirche, Kanzelaltar

Als Gegenpol zu diesem kirchlichen Zentrum wurden an der gegenüberliegenden Seite mit der herrschaftliche Loge und den Logen der Hofangehörigen der Kirchenplatz des Landessouverän geschaffen. Die freie Mittelachse zwischen den beiden Polen verbindet diese gleichzeitig und blendet aus der Sicht des Souveräns die Untertanen gleichsam aus. Dabei führt die erhöhte Lage der Herrscherloge im ersten Emporengeschoss dazu, dass die von der Kanzel gehaltene Predigt wie eine persönliche Ansprache an den Landesherrscher erscheinen kann.

Die Logen sind innerhalb des Kirchenraumes als separate Räume gestaltet und durch Schiebefenster von diesem abgetrennt. Als einziger Platz in der Kirche ist die Herrscherloge mit zwei Öfen beheizbar, wovon aber wohl auch der Cavalierstuhl und Fräuleinstuhl profitiert haben dürften, da diese an der rechten bzw. linken Seite der Herrscherloge anschlossen.

Die herausgehobene Lage der Herrschaftsloge im ersten Emporengeschoss verdeutlicht nicht nur die weltliche Stellung des Grafen, sondern auch seine Rolle als oberster Kirchenherr, die er im protestantischen Hessen-Nassau innehatte. Aus diesen Stellungen erwuchs ihm auch das Recht mit der Herrscherloge einen Raum in der Kirche inne zu haben, der nicht nur den besten Blick zum Prediger und dem Geschehen während des Gottesdienstes ermöglichte, sondern auch eine Trennung vom gemeinen Volk darstellte und eine von den Untertanen ungestörte Teilnahme am Gottesdienst bot. Die Trennung von Herrscherhaus und Bevölkerung in Bezug auf den Gottesdienstbesuch begann schon beim Weg zur Kirche und dem Kirchenzugang, da der Hof mit dem Kirchengang der oberen Orangerie über einen direkten Stadt- und Schlosskircheneingang verfügte und in der Kirche die Herrscherloge über gesonderte Treppenhäuser erreichte.

Weilburg, Lahn, Schlosskirche, Innenraum, Kanzelaltat

Stadt- und Schlosskirche, Innenraum, Kanzelaltar

Überspannt wird der Innenraum von einem Kuppelgewölbe, dessen Holzkonstruktion an einem Balkengerüst aufgehängt ist. Die größte Höhe des Kuppelgewölbes in der Mitte des Kirchenschiffs beträgt 18 m. Geschmückt wird die Gewölbemitte durch die Darstellung einer Taube als Sinnbild des Heiligen Geistes, umrahmt von einer Strahlenglorie.

Weilburg, Lahn, Schlosskirche, Wandfassade der Herrscherloge

Stadt- und Schlosskirche, Wandfassade der Herrscherloge

Insgesamt ist der Innenraum relativ sparsam ausgeschmückt. Gestaltungselemente sind fast ausschließlich die von Pilastern mit ionischen Kapitellen gegliederten Seitenwände und die klassisch-schlichten Stuckaturen von Andreas Gallasini. Die prunkvolle barocke Prachtentfaltung konzentriert sich ausschließlich auf den von Anton Ruprecht gestalteten Kanzelaltar mit der (ursprünglich von Johann Dahm in Mainz gelieferten, 1903 jedoch ersetzt durch eine von W. Sauer aus Frankfurt/Oder gefertigte) Orgel und die gegenüber dem Altar befindliche Fassade der Herrscherloge und deren Innenraumgestaltung.

Der Altartisch aus schwarzem Schupbacher Marmor wird auf beiden Seiten von zwei korinthischen Säulenpaaren flankiert. Zwischen den Säulenpaaren findet sich die mit barocken Holzschnitzereien verzierte Kanzel, deren rückseitiger Zugang durch ein Ölgemälde verdeckt wird. Es sind fünf Gemälde, deren Motive (Christi Geburt, Passion, Auferstehung, Ausgießung des Heiligen Geistes, Verklärung) Bezug auf die Kirchenfeste nehmen und die entsprechend dieser kirchlichen Feste während des Jahres ausgewechselt werden. Ausgenommen davon ist das Fest der "Verklärung des Herrn", das am 6. August gefeiert wird. Wegen des Aufwandes beim Gemäldewechsel, jedes der Bilder wiegt mit Rahmen mehr als 50 kg, ist ca. 2,50 m hoch und muss durch eine kleine Abschlusstür der Kanzel geschafft werden, wird das entsprechende Gemälde nicht mehr als Hintergrundgemälde der Kanzel genutzt.

Weilburg, Lahn, Schlosskirche, Taube im Strahlenkranz als Symbol des Heiligen Geistes im Deckengewölbe

Taube im Strahlenkranz als Symbol des Heiligen Geistes im Deckengewölbe

Von dem Weilburger Hofmaler Georg Friedrich Seekatz dem Älteren (1683-1750) stammt das Gemälde zur Auferstehung Christi, wahrscheinlich schuf er auch die beiden nicht signierten Gemälde zu den Themen Verklärung und Ausgießung des Heiligen Geistes. Das Gemälde zu Christi Geburt trägt die Signatur "Jeans Jaques Larijs" mit dem Entstehungsjahr 1711 und das Gemälde zur Passion ist mit "Kars F. A. 1711" signiert und wird Georg Wilhelm Karsch zugeschrieben. Über den Säulenpaaren wird die Kanzel überkrönt von einem mit Schnitzwerk verzierten Dach, auf dem auch Figuren von Moses und Johannes dem Täufer dargestellt sind.

Gegenüber dem Kanzelaltar repräsentiert die geschmückte Logenfront das Herrscherhaus und die Dynastie des Landesherrn, wobei das Allianzwappen von Graf Johann Ernst und seiner Gemahlin gleichzeitig auf den Bauherrn verweist. In der Herrscherloge erfolgte die Ausgestaltung wieder durch Stuckarbeiten von Gallasini. Dazu kommen ornamentale Wandmalereien und emblematische Darstellungen von Seekatz.

Farbliche Ausgestaltung und die Darstellungen im Kircheninnenraum vermitteln die im Barock übliche Einteilung in drei Zonen. Ausgehend von der dem gemeinen Volk zugewiesenen unteren Ebene mit ihren dunkleren, gedeckten Farben, nimmt nach oben die Aufhellung zu und in der Mittelzone finden sich die repräsentativ geschmückten Bereiche von Fürstenloge und Altar, die über die Mittelachse verbunden sind. Darüber erhebt sich die himmlische Welt mit dem Heiligen Geist im Scheitelpunkt des Deckengewölbes.

In der Mittelachse sind mit Taufe und Abendmahl die beiden Sakramente der evangelischen Kirche dargestellt. Die Taufe wird symbolisiert durch ein Gefäß mit darüber schwebender Taube, das Abendmahl symbolisiert ein Kelch mit Hostie. Auf der Ost-West-Achse des Deckengewölbes sind die Symbole des Evangeliums - das Buch mit den sieben Siegeln, Kreuz und Lamm - und der göttlichen Erkenntnis - das Auge Gottes im Dreieck - zu sehen. Die Büsten in den Gewölbeecken zeigen die vier Evangelisten mit den ihnen zugeordneten Symbolen: Matthäus (Mensch), Markus (Löwe), Lukas (Stier) und Johannes (Adler).

Weilburg, Lahn, Schlosskirche, zwei der Embleme von Seekatz

Stadt- und Schlosskirche, zwei der Embleme von Seekatz. Die lateinischen Umschriften lauten:
QUERIT HUMERISQUE REPORTAT (Er sucht und bringt zurück)
VULNERA VULNERE SANAT (Durch seine Wunden heilt er Wunden)

An den Wänden von Altarseite und Herrscherloge finden sich auf Kanzelhöhe zehn emblematische Darstellungen von Seekatz. Alle Bilder sind in Medaillonform ausgeführt und auf Holz gemalt. Acht Darstellungen führen eine lateinische Umschrift oberhalb des Bildthemas. Die beiden Bilder unmittelbar links und rechts des Altars sind mit einem deutschen Spruch untertitelt.

Fotos von der Ausstattung des Kirchenraums finden Sie über den Link zur "Auswahlseite Ansichten, Diashow, Collagen".


Quellenangaben:
Chronik der Schloßkirche zu Weilburg
Carl Wehrum
Evangelische Kirchengemeinde Weilburg an der Lahn
ohne Jahresangabe
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Die Loge des Grafen Johann Ernst und seiner Familie in der Evangelischen Schloßkirche in Weilburg
Kathrin Ellwardt, Reiner Braun
ohne weitere Angaben
http://www.kathrin-ellwardt.de
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Die Bau- und Kunstdenkmäler des Lahngebiets
Ferdinand Luthmer
Unveränderter Neudruck der Auflage von 1907 Dr. Martin Sändig oHG, Walluf, 1973
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Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland
Landkreis Limburg-Weilburg Band II
Landesamt für Denkmalpflege
Falko Lehmann
Friedrich Vieweg & Sohn Braunschweig/Wiesbaden, 1994