Sehenswert in Weilburg

Schlossanlagen

Stadt- und Schlosskirche, Kirchenstuhlordnung

Welchen Rang jede(r) Einzelne in der Gesellschaft innehatte und welchen Platz eine Person in hierarchisch ausgerichteten Gesellschaften einnahm, wurde in der Vergangenheit immer auch deutlich in Festlegungen, die den Kirchenbesuch betrafen. Vielfach finden sich Hinweise dafür in der Literatur (z. B. Nibelungensage: Auseinandersetzung zwischen Kriemhild und Brunhilde vor dem Wormser Münster). Die Kirchenräume waren schon im frühen Mittelalter häufig in die der Herrschaft vorbehaltenen Oberkirchen und die dem gemeinen Volk dienenden Unterkirchen gegliedert. Neben diesen, auf gesellschaftlichen Stellungen gründenden Unterscheidungen, war die Geschlechtertrennung in den Kirchen eine weitere Frühform der Differenzierung.

Grundsätzlich gab es keine Berührungspunkte zwischen der herrschenden Klasse und dem gemeinen Volk. Um diese strikte Trennung auch nicht beim Weg zum Gottesdienst durchbrechen zu müssen, hatte die Weilburger Herrschaft den Kirchengang über die obere Orangerie zur Verfügung, der über ein eigenes Treppenhaus in der Kirche direkt in die Herrscherloge führte. Durch die beiden Funktionen der Weilburger Kirche als Residenzkirche des Herrscherhauses und Pfarrkirche der Stadt Weilburg, mit den Dörfern Ahausen, Kirschhofen, Odersbach und Waldhausen, wurde jedoch der Kirchenraum zum „Treffpunkt“ aller gesellschaftlichen Gruppen. Hier bewirkte dann aber die Gestaltung des Innenraums, durch die Einrichtung einer Herrscherloge, die Beibehaltung der Trennung zwischen Herrschaft und Volk. Die Zuweisung der jeweiligen Kirchenstände an die Gruppierungen in der Gesellschaft bzw. an die Einzelpersonen durch die Kirchenstuhlordnung führte dazu, dass die soziale Rangordnung aller gesellschaftlichen Gruppen und der Stand jeder/jedes Einzelnen in der Hierarchie für alle sichtbar war und jedem Gemeindemitglied immer wieder deutlich gemacht wurde.

Mit dem Neubau der Weilburger Schloss- und Stadtkirche war die Zuordnung der Kirchenstände (Kirchenstühle) nur auf der Grundlage des gesellschaftlichen Rangs und des Standes der Gesellschaftsgruppen und der Einzelpersonen erfolgt. Eine Bezahlung oder gar Versteigerung bestimmter Plätze war nach der Kirchenstuhlordnung von 1712 nicht vorgesehen. Doch bereits kurz nach dem Tod von Graf Johann Ernst, dem Bauherrn der Stadt- und Schlosskirche, gab es Vorschläge für eine Neuverteilung der Kirchenstände und damit verbundene Entgeltzahlungen von Kirchstuhlinhabern. Ein Grund dafür waren erforderliche Zahlungen für Reparaturarbeiten am Kirchengebäude. Diese Vorschläge wurden vorerst jedoch nicht umgesetzt, wenn es auch Entwürfe zu einer neuen Kirchenstuhlordnung und Hochrechnungen auf zu erwartende Einnahmen gab.

Weilburg, Lahn, Schlosskirche, Sitzordnung im Erdgeschoss 1712-1736

Stadt- und Schlosskirche, Sitzordnung im Erdgeschoss 1712-1736
(Eintragungen in der Darstellung lt. Quellenangaben, s. Seitenende

In den Folgejahren wurden die Finanzierungsprobleme jedoch drängender. Dazu kam eine anwachsende Bevölkerung, für die nicht mehr genug Plätze in der Kirche zur Verfügung standen. Platzmangel, Drängeleien und die sich draus ergebende „Unordnung“, wenn Plätze von Personen eingenommen wurden, die diesen vom Stand her nicht gebührten, dazu der Geldbedarf wegen anstehender Reparaturen, führten im Herbst 1735 zum Erlass einer Kirchenstuhlordnung durch Graf Carl August, in der Regelungen zur Vergabe der Kirchenstühle enthalten sind. Am 14. Juni 1736 erließ der Graf eine detaillierte Stuhlordnung mit Regelungen, wem welche Plätze zuzuordnen sind. In einem weiteren Dokument vom 21. Juni 1736 sind alle verkauften Sitzplätze aufgeführt, dazu die Namen der Erwerber und die Kaufpreise.

Die unter Graf Carl August verfassten Dokumente zur Kirchenstuhlordnung in der Schloss- und Stadtkirche sind in seltener Ausführlichkeit und Vollständigkeit erhalten. Doch schon vom 30. Mai 1712 – und damit aus der Zeit unmittelbar nach Fertigstellung der Stadt- und Schlosskirche – datiert eine Festlegung für die Einteilung der „Weiberstühle“.

Den Frauen zugewiesen waren die in vier Blöcke unterteilten Bankreihen im Erdgeschoss des Kirchenraums. Je näher sich die Plätze zum Altar oder zur Herrscherloge befanden, desto höher war der gesellschaftliche Rang und das Ansehen der jeweiligen Platzinhaberinnen.

Die hinteren Bankreihen der beiden Blöcke auf der Rathausseite hatten die Frauen aus den eingepfarrten Dörfern inne. Vor diesen waren die Bürgertöchter und vor diesen die Bürgerfrauen platziert. Im Bankblock auf der Altarseite folgten dann die Frauen der Stadträte, vor diesen Frauen und Mägde von Bedienten. Die ersten Reihen werden von den Ehefrauen hoher Hofbeamten eingenommen. Im Bankblock zur Herrscherloge hatten vor den Bürgerfrauen die Hofmägde, in der Reihe vor diesen die Beschließerin und Kammerjungfern ihre Plätze.

Im Bankblock auf der Altarseite am Schlossgarten wurde die erste Reihe von Frau und Familie des Kanzleidirektors besetzt. Danach folgten die Frauen von Hofbedienten und dahinter deren Mägde. In den nachfolgenden Reihen nahmen wieder die Bürgertöchter Platz, hinter diesen die Frauen der Stadtbürger. Im Bankblock auf der Seite zur Herrscherloge befand sich in der ersten Bank der „Jungfernstuhl“, der den Töchtern der Hofbedienten zustand. Die Plätze der nächsten Bankreihe nahmen die Frauen von Hofhandwerkern ein, die nachfolgenden Bankreihen besetzten wiederum Frauen der Stadtbürger.

Die an den Längs- und Schmalseiten umlaufenden Bänke wurden von den männlichen Gemeindemitgliedern besetzt, wobei die Männer aus den Pfarrdörfern die Plätze an der Rathausseite innehatten.

Außer der Herrscherloge, die sich gegenüber der Kanzel und mit dieser auf einer Höhe befindet, gibt es vier verglaste dreigeschossige Logen in den Ecken des Kirchenraums. Von den darin befindlichen Kirchenstühlen waren 1712 anscheinend nur die in den Erdgeschossen auf der Altarseite vergeben, da alle übrigen Kirchenstühle der Ecklogen erst 1736 Personen zugewiesen wurden, die 1712 noch in den Bankblöcken platziert waren. Die Plätze im Erdgeschoss der zum Schlossgarten gelegenen Loge wurden als „Priesterstuhl“ bezeichnet, waren also den Geistlichen zugewiesen. Der oberen Kirchenhierarchie der Grafschaft zugewiesen war der Kirchenstuhl im Erdgeschoss der zum Rathaus gelegenen Loge.

Unterhalb der Herrscherloge befand sich der „Bedientenstuhl“ mit den drei vorderen Bankreihen. Das waren die Plätze hochrangiger Hofbeamten. Hinter diesen drei Kirchenbänken, in einem halbkreisförmigen Anraum, hatten Pagen und die herrschaftlichen Kutscher ihre Kirchenstühle. Die dahinter verbliebenen freien Kirchenstühle wurden von Stadtbürgern eingenommen.

Weilburg, Lahn, Schlosskirche, Sitzordnung auf der Seite der Herrscherloge, Nordseite, 1736

Stadt- und Schlosskirche, Sitzordnung auf der Seite der Herrscherloge, Nordseite, 1736
(Eintragungen in der Darstellung lt. Quellenangaben, s. Seitenende

In der Kirchenstuhlordnung als Zimmer bezeichnet werden die herrschaftliche Loge gegenüber der Kanzel, der „Cavalierstuhl“ rechts der Herrscherloge und der „Fräuleinstuhl“ links davon. In der Herrscherloge nahmen der Graf und seine Familie am Gottesdienst teil, im „Cavalierstuhl“ fanden Adlige, Gäste und Offiziere Platz und im „Fräuleinstuhl“ adlige Damen und Hoffräulein.

Der bereits erwähnte Platzmangel und die für Instandsetzungsarbeiten notwendige Finanzmittel, führten 1736 zu einer neuen Kirchenstuhlordnung. Dabei wurde die bestehende Zuordnung der Kirchenstühle zu den gesellschaftlichen Gruppen bzw. Einzelpersonen grundsätzlich beibehalten. Um jedoch mehr Platz für die bürgerlichen Gemeindemitglieder zu schaffen, wurden auch die bisher leer stehenden Logen genutzt und Hofbedienten und Frauen der Geistlichen zugewiesen. Außerdem wurden die Bänke teilweise dichter besetzt und es wurden auch die Plätze hinter dem Kanzelaltar, auf der Orgelempore und über der Herrscherloge vergeben.

Weilburg, Lahn, Schlosskirche, Sitzordnung auf der Seite der Altarseite, Südseite, 1736

Stadt- und Schlosskirche, Sitzordnung auf der Altarseite, Südseite, 1736
(Eintragungen in der Darstellung lt. Quellenangaben, s. Seitenende

Um den Unterhalt des Kirchenbaus zu finanzieren, waren in der Kirchenstuhlordnung von Herbst 1735 gestaffelte Preise festgesetzt worden, die vor allem von den Verheirateten zu zahlen waren. Ausgenommen von der Bezahlung eines Kirchenstuhls waren die z. B. die Töchter der Bürger und Bedienten, Söhne der Bürger, Handwerksburschen und Schüler. Eine freie Bank stand armen Witwen zur Verfügung und ein freier Stuhl der Hebamme.

Für die Logenplätze der Hofbedienten gab es keine festgesetzten Preise, es wurde von diesen jedoch eine „freywillige Steuer zur Unterhaltung der Kirche“ erwartet, deren Höhe aber anscheinend dem Ermessen des Einzelnen überlassen blieb.

Stadtbürger und Gemeindemitglieder der eingepfarrten Dörfer zahlten unterschiedliche Preise. So kostete der Mannstuhl für einen Stadtbürger 3 Gulden, für einen Dorfbewohner 1 Gulden. Die Bürgerfrauen aus der Stadt mussten 1 Gulden je Platz zahlen, die Frauen aus den Dörfern 1 ½ Gulden.

Wer einen vorderen Platz in der zugewiesenen Bankgruppe wollte, musste einen höheren Betrag zahlen. So kostete z. B. ein Frauenstuhl in der ersten Reihe 15 Gulden und in der zweiten Reihe 12 Gulden. Gab es mehrere Personen, die an einem bestimmten Platz interessiert waren, erfolgte die Platzvergabe nach dem Höchstgebot.

Weilburg, Lahn, Schlosskirche, Namensschild eines Kirchenstuhlinhabers

Namensschild eines Kirchenstuhlinhabers

Mit der Erhebung der Kirchenstuhlgelder war die Finanzierung notwendiger Reparaturarbeiten gesichert. Weniger Erfolg war der Absicht beschieden, mit der neuen Kirchenstuhlordnung auch die Missstände zu beseitigen, die schon 15 Jahre zuvor beklagt worden waren. Zwar waren die vergebenen Plätze mit Namensschildern der Inhaber(innen) versehen worden, nicht alle aber hielten sich daran und nahmen die zugewiesenen Plätze ein. Das lag zum Teil daran, dass noch immer zu wenig Plätze vorhanden waren und manche Gemeindemitglieder bei Auslosungen keine Plätze erhalten hatten, andere mit den zugewiesenen Plätzen unzufrieden waren und sich zwischen andere Stände drängten oder sonst genehmere Plätze auf den Treppen, der Empore oder hinter der Kanzel aufsuchten.

In allen Eingaben, Beschwerden und Anzeigen kommt zum Ausdruck, welche Prestigeangelegenheit der Kirchenstand vor allem für die Angehörigen der Mittel- und Oberschicht und die Hofangehörigen darstellte. Das einfache Volk dagegen, dass häufig mehr schlecht als recht am unteren Ende der sozialen Rangstufen lebte, konnte und wollte die geforderten Preise der Kirchenstände nicht immer zahlen; immerhin entsprach ein Gulden dem Monatslohn einer Magd, ein Knecht verdiente 18 Gulden im Jahr.

Trotz dieser Konflikte wird die Einführung der Kirchenstuhlordnung in Weilburg von den Herrschenden als Erfolg angesehen. So erfolgt die Ausarbeitung einer Stuhlordnung nach Weilburger Vorbild für alle Kirchen der Grafschaft. Ein entsprechender Erlass tritt 1737 in Kraft und wird nach und nach in allen Gemeinden umgesetzt.

Die ständischen Gesellschaftsordnungen waren seit Jahrhunderten als gut und richtig, weil von Gott gewollt, angesehen worden. Auch Martin Luther beschwor in der Reformationszeit das hierarchische System als gottgegeben und trug zur Verfestigung dieser Strukturen bei. Gleichheit bestand nur im Glauben an Gott und Gerechtigkeit wartete erst im Jenseits auf die Menschen. So war es für die Menschen der frühen Neuzeit selbstverständlich, dass der soziale und gesellschaftliche Status jeder Person auch im Kirchenplatz sichtbar war. Erst mit dem Zeitalter der Aufklärung änderten sich diese Überzeugungen langsam. Was den Sitzplatz in der Kirche betrifft, so gibt es heute (fast) keine diesbezüglichen Vorschriften mehr, von den Idealen der Aufklärung sind wir trotzdem noch immer weit entfernt.


Quellenangaben:
Die Sitzordnung in der Weilburger Schloss- und Stadtkirche in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts,
Kathrin Ellwardt,
Evangelische Kirchengemeinde Weilburg a. d. Lahn,
1997
http://www.kathrin-ellwardt.de