Sehenswert in Weilburg

Schlossanlagen

Stadt- und Schlosskirche: Beichte und Beichtstuhl

Weilburg, Lahn, Schlosskirche, gräflicher Beichtstuhl

Stadt- und Schlosskirche, gräflicher Beichtstuhl

Unter der Herrschaft von Graf Philipp III. erfolgte die Einführung der Reformation in der Grafschaft Nassau-Weilburg. Er hatte dazu den lutherischen Geistlichen Dr. Eberhard Schnepf nach Weilburg berufen. Als Fixpunkt für den Reformationsbeginn in der Grafschaft wird der 31. Oktober bzw. der 1. November 1526 angegeben. Mit diesen Daten verbunden ist der theologische Disput zwischen Schnepf und Vertretern der katholischen Kirche.

Das erfolgreiche Ende der Reformation in Nassau-Weilburg kann mit dem 03. Januar 1555 gesetzt werden. Unter diesem Vertragsdatum tauschte Graf Philipp seine Pfarrei Gau-Algesheim mit dem Trierer Erzbischof gegen das Weilburger Stift, wodurch es in seinem Herrschaftsbereich keine Niederlassung der katholischen Kirche mehr gab.

Für die Gläubigen unmittelbar erfahrbare Änderungen der Reformation und des evangelisch-lutherischen Gottesdienstes waren z. B. die liturgischen Abläufe, die Darreichung des Abendmahls und die entfallene pflichtgemäße Einzelbeichte. Ab wann in Nassau-Weilburg die Pflicht zur Einzelbeichte nicht mehr aufrechterhalten wurde, ist nicht belegt. Man kann vermuten, dass die Einzelbeichte aus Gewohnheit noch einige Zeit beibehalten wurde, berechtigt ist aber auch die Annahme, dass diese Einzelbeichte gerade zu Reformationsbeginn nicht mehr gefordert wurde, um die mit der Reformation einhergehenden Änderungen deutlich zu machen. Als Graf Johann Ernst (1675-1719) die Herrschaft antrat, bestand in seinem Herrschaftsbereich keine Pflicht zur Einzelbeichte.

Weilburg, gräflicher Beichtstuhl, Medaillon an der Brüstung

Medaillon an der Brüstung de gräflichen Beichtstuhls,

Dies änderte sich 1690, als Graf Johann Ernst mit Dekreten vom 20. und 23. Februar 1690 die in Nassau-Weilburg nicht mehr geübte Pflicht zur Einzelbeichte wieder einführte. Den Anstoß dazu hatte wahrscheinlich Johann Adam Haßlocher gegeben, der am 18. August 1689 als Hofprediger und Superintendent nach Weilburg berufen worden war. In der Pflicht zur Einzelbeichte vor jedem Abendmahl sah Haßlocher die Möglichkeit die sittlichen Verhältnisse zu bessern; hatte er nach seinen eigenen Angaben doch bereits entsprechende Erahrungen gemacht. Haßlocher stand zudem in enger Verbindung mit dem Idsteiner Superintendenten Johann Philipp Elbert, mit dem er über die Einzelbeichte korrespondierte und der diese bei seinem Amtsantritt 1655 in Idstein bereits vorgefunden und beibehalten hatte. Nicht ganz unbedeutend bei der Einführung der Einzelbeichte in Nassau-Weilburg war vielleicht auch die Tatsache, dass des Grafen Gattin Maria Polyxena, Gräfin von Leiningen-Dagsburg-Hartenburg, die Einzelbeichte aus ihrer Heimat nicht unbekannt war.

Weilburg, Lahn, Schlosskirche, gräflicher Beichttstuhl, Medaillon der Tür

Medaillon an der Tür des gräflichen Beichtstuhls

Haßlocher erarbeitete auf Verlangen des Grafen ein Konzept zur Einführung der Einzelbeichte und zu deren Ablauf, das er als "Ohnmaßgeblicher Vorschlag und Entwurff" und beginnend mit den Initialen "I.N.I." (In Nominae Iesu) mit Datum vom 12. November 1689 dem Grafen als Kirchenoberhaupt vorlegte. Da Haßlochers Vorschlag vom Hof  zugestimmt wurde, unterrichtete er die Pfarrer in einem Rundschreiben über die für Ostern zu erwartende Einführung der Beichte und wies sie an, ihre Gemeinden darüber zu informieren und über Sinn und Ablauf der Einzelbeichte zu unterrichten. In einer mit den Dekreten im Februar 1690 an die Pfarrer versandten Kanzelabkündigung wurden die Gemeinden daran erinnert, dass Jesu selbst seinen Dienern die Vollmacht gegeben habe, Sünden zu binden und zu lösen. So entspreche es auch lutherischem Bekenntnis, dem Pfarrer in der Einzelbeichte die Sünden zu bekennen und Vergebung zu empfangen.

Mit der Einzelbeichte wurden für die Stadt- und Schlosskirche drei Beichtstühle angeschafft (eine undatierte Schreinerrechnung weist dafür einen Betrag von 60 Gulden aus), die in drei Nebenräumen des Erdgeschosses ihren Platz fanden. Zwei dieser Beichtstühle sind in der Kirche noch vorhanden.

 Ein Beichtstuhl befindet sich in der Sakristei, an der zur Stadt weisenden Fensterwand, die auch die Rückwand des Beichtstuhls darstellt. Seine schlichte Ausstattung und ein Bänkchen auf dem der Beichtende niederkniete, lassen in Verbindung mit dem Aufstellungsort vermuten, dass darin das einfache Volk die Beichte ablegte.

Weilburg, Lahn, Schlosskirche, gräflicher Beichtstuhl, Gemälde an der Rückwand

Gemälde an der Rückand des gräflichen Beichtstuhls

Der zweite Beichtstuhl findet sich in dem zum Kircheninneren verglasten Erdgeschossraum in der Nordwestecke des Kirchenbaus. Im Gegensatz zu dem nur wenig über 1 m hohen bürgerlichen Beichtstuhl ist dieser deckenhoch gefertigt (Innenhöhe 2,65 m) und aufwändig gestaltet, enthält aber keine Kniebank. Die beiden Außenwände und die Decke sind mit Ölgemälden versehen, Brüstung und Tür mit Medaillons geschmückt, die als Embleme gestaltet sind. Aufstellungsort und Ausstattung lassen nur den Schluss zu, dass es sich bei diesem Beichtstuhl um den des Grafen und seiner Familie handelte. Auch die fehlende Kniebank deutet darauf hin, hätte der absolutistische Herrscher und oberste Kirchenherr doch keinesfalls vor seinem untergebenen Pfarrer niedergekniet.

Das Medaillon auf der Büstung trägt die Umschrift "IGNEA DIVINI SIMULEST VIS FERREA VERBI (Die Kraft des göttlichen Wortes ist wie Feuer und Eisen zugleich)". Mit dieser Umschrift wird Bezug genommen auf die Darstellung im Medaillon. Diese zeigt einen Felsen mit davon ausgehendem Feuer, ein von Sprüngen durchzogenes Herz liegt auf dem Felsen. Die aus den Wolken greifende Hand Gottes schlägt mit einem Hammer auf dieses Herz. Die Bilddarstellung wiederum nimmt Bezug auf Psalm 51.

Das Medaillon auf der Tür ist überschrieben "AD UTRUMQUE PARATAE (Zu beidem bereit)" und erläutert damit das Schlüsselpaar des Binde- und Lösungsschlüssels.

Weilburg, Lahn, Schlosskirche, gräflicher Beichtstuhl, Gemälde an der Stirnwand

Gemälde an der Stirnwand des gräflichen Beichtstuhls

Die ebenfalls emblematisch gestalteten Bildmalereien im Beichtstuhlinneren stellen das Beichtgeschehen dar. Das Ölgemälde auf der Längswand weist auf das Sündenbekenntnis hin. Die durch eine Mädchchengestalt symbolisierte Seele des Beichtenden wird von der Justitia (hier die Gerechtigkeit Gottes) vor den Richterstuhl mit Jesu geführt; über Jesu hängen die Gesetzestafeln. Die Bitte der reumütigen Seele ist in dem Spruchband dargestellt "DOMINE NON INTRES IN JUDICIUM (Herr, gehe nicht ins Gericht)".

Im Ölgemälde an der Schmalseite steht das Kreuz mit einem geschächteten Lamm (= Jesus Christus, das Lamm Gottes). Die Gesetzestafeln sind hier dem Gotteslamm unterworfen und werden vom Blut des Lamms durchkreuzt, das dann auf die gläubige Seele unter dem Kreuz trifft. Das Spruchband über dem Kreuz verkündet "DELEVIT SANGUINE CULPAM (Er hat die Schuld durchs Blut getilgt)".

Das Deckengemälde erzählt die Geschichte von der Heimkehr des verlorenen Sohnes. Dabei wird nur der freudige Teil dieses Gleichnisses dargestellt, die Missbilligung des Bruders über die herzliche Aufnahme fehlt. Aus einem die Dreieinigkeit darstellenden hellen Dreieck schaut Gott und sendet einen Lichtstrahl zum heimgekehrten Sohn. Das Spruchband verkündet "DES SÜNDERS LEYD/ DER ENGEL FREUD".

Die Gemälde sind zwar nicht signiert, werden aber dem Hofmaler Georg Friedrich Christian Seekatz zugewiesen, der seit 1706 am Hofe tätig war. Dieser hat auch die emblematischen Medaillonmalereien im Kirchenraum und Altarbilder gefertigt und die Herscherloge ausgestaltet. Die künstlerische Ausgestaltung der Gemälde ist Seekatz zuzurechnen, während für das Grundkonzept der Gestaltung und die emblematische Darstellung der Bildinhalte sicherlich Haßlocher verantwortlich war. In der Zusammenarbeit des Malers Seekatz mit dem Theologen Haßlocher erfolgte so eine beeindruckende Umsetzung kirchlicher Lehre in bildhafte Darstellung.

Weilburg, Lahn, Schlosskirche, gräflicher Beichtstuhl, Deckengemälde

Gemälde an der Decke des gräflichen Beichtstuhls

Graf Johann Ernst starb am 27. Februar 1719. Ihm folgte sein Sohn Graf Karl August (1719-1753), Fürst ab 1737, der unter dem Datum vom 10. Dezember 1743 die Pflicht zur Einzelbeichte wieder abschaffte und durch die Allgemeine Beichte ersetzte. Weiterhin möglich blieb aber die Einzelbeichte auf ausdrücklichen Wunsch des Gläubigen.

Erfolgte die Einführung der Einzelbeichte unter Johann Ernst noch aus theologischer und seelsorgerischer Sicht, so kam es nun zur Abschaffung durch ein Gutachten, mit dem Karl August seinen Kanzleidirektor Archenholtz beauftragte. Neben mancherlei anderen Gründen wurde im Gutachten auch angeführt, dass die Einzelbeichte nicht heilsnotwendig sei, da diese über 100 Jahre nach der Reformation nicht mehr ausgeübt worden sei. Archenholtz führte auch an, wenn ein evangelischer Landesherr aufgrund seiner kirchenrechtlichen Stellung die Einzelbeichte anordnen könne, stehe ihm auch das Recht zur Abschaffung zu. Ein Hinweis im Gutachten legt aber auch die Vermutung nahe, dass bestimmte Entscheidungen des Fürsten oder seiner Beamtenschaft vom Hofprediger als Schuld gewertet wurden und er solches im Beichtstuhl ansprach, was den Betroffenen wohl nicht genehm war.

Der dem 1726 verstorbenen Haßlocher im Amt des Hofpredigers und Superintendenten nachgefolgte Heinrich Philipp Casimir Weinrich war von der beabsichtigten Abschaffung der pflichtgemäßen Einzelbeichte überrascht und wandte sich in mehreren Schreiben und auch mit Hilfe eines Gutachtens entschieden gegen seinen Souverän. Den seelsorgerischen und theologischen Argumenten wurde jedoch nicht gefolgt; die Einzelbeichte wurde 54 Jahre nach ihrer Einführung in Nassau-Weilburg wieder abgeschafft.


Quellenangaben:
Braun, Reiner (2000): Evangelische Beichte und Beichtstühle in Weilburg (1689-1743). In: Hessische Kirchengeschichtliche Vereinigung (Darmstadt) (Hg.): Jahrbuch der Hessischen Kirchengeschichtlichen Vereinigung, Bd. 51. Darmstadt, S. 69–98.