Sehenswert in Weilburg

Der Windhof

Die neue Schloss- und Hofanlage 1713-1726

Weilburg, Lahn, Windhof, Plan der Garten- und Parkanlagen

Der Windhof mit seinen Park- und Gartenanlagen, ca. 1745.
(Quelle: Denkmaltopographie, s. u. Quellenangaben)

Nach dem Tode von Graf Friedrich von Nassau-Weilburg im Jahr 1675 trat sein Sohn Johann Ernst die Regierung an (1675-1719, bis 1683 unter Vormundschaft). Der Anspruch dieses Barockfürsten seinem Hofe eine zeit- und standesgemäße Residenz zu schaffen, bescherten der Stadt eine völlige Neugestaltung und dem Schloss großzügige Erweiterungen der Anlagen und Neubauten der Regierung. Unter Leitung seines Baumeisters Rothweil war ein Großteil dieser Baumaßnahmen 1713 abgeschlossen. Als ein Vertreter des barocken Zeitgeistes erstrebte Graf Johann Ernst neben seiner Residenz auch die Errichtung eines ländlichen Lust- und Sommerschlosses.

Die Wahl des Platzes am Windhof entsprach dem Ideal barocker Garten- und Landschaftsgestaltung, bestand doch in der Blickrichtung von der Orangerie im oberen Schlossgarten nach Osten eine Sichtverbindung zu dem die Anhöhe krönenden Sommerschloss und umgekehrt war vom Windhof aus die Betrachtung der gräflichen Residenz möglich. Diese Sichtverbindung besteht heute wegen des Baumbestandes nicht mehr.

Am gewählten Platz sollten das neue Sommerschloss und der seit etwa 1300 bestehende Landwirtschaftsbetrieb zusammengefasst werden, dessen ursprünglicher Standort sich aber mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas weiter östlich vom neuen Bauplatz befand, vermutlich im Bereich der nordöstlichen Ecke des heutigen Wäldchens mit der Flurbezeichnung "Auf dem alten Hof". Die Bauleitung für den Windhof hatte, ebenso wie bei der Stadterneuerung, der Hofbaumeister Johann Ludwig Rothweil inne. Die Hauptbauzeit fiel in die Jahre 1714-1718, vollendet aber wurde die Anlage erst unter Johann Ernsts Sohn, seinem Nachfolger Fürst Karl August, im Jahre 1726.

Weilburg, Lahn, Windhof, Aufrisszeichnung, Westseite des Haupthauses nach F. Luthmer

Windhof, Aufrisszeichnung, Westseite des Haupthauses nach F. Luthmer
(Quelle: Denkmaltopographie, s. u. Quellenangaben)

Begonnen hatte man 1713 mit der Sicherung der Wasserversorgung. Diese erfolgte über die Quellen des Birkenkopfes nördlich Kubach und den Brunnen in den Wiesen des längst verschwunden Dorfes Pfaffenhausen. Bei einem Brunnenhäuschen wurde das Wasser der gefassten Quellen gesammelt und über eine mehr als drei Kilometer lange hölzerne Wasserleitung zum Windhof geführt.

Die Ausschachtungsarbeiten für die Keller und Fundamente der beiden Seitenflügel und der vier Pavillonbauten begannen 1714. Danach wurden die Fundamente aufgemauert und 1715 auch die vordere Brüstungsmauer aufgeführt. Ab 1716 wurde das Mauerwerk hochgezogen, Gesims- und Deckenbalken gefertigt und auch der Weiher mit seiner Einfassung und dem gestampften Lehmboden fertig gestellt. Für die Enten- und Gänsehaltung wurden zweistöckige Ställe ("Entenlogis") mit einer Länge von 600 Schuh (= ca. 180 m) gefertigt, die rund um den Weiher aufgestellt wurden. An allen vier Pavillons und den Längsbauten dazwischen wurde gleichzeitig gearbeitet.

Weilburg, Lahn, Windhof, Topografische Karte des Windhofs um 1757

Topografische Karte des Windhofs um 1757
(Quelle: Denkmaltopographie, s. u. Quellenangaben)

1717 und im Folgejahr wurde vor allem der Innenausbau durchgeführt, so dass dieser bei den für die Hofwirtschaft dienenden beiden Längsbauten und den Pavillonbauten Ende 1718 beendet war. Mit dem Hauptbau war zwar auch  bereits 1716 begonnen worden, dessen Ausbau betrieb man aber nicht vorrangig. So wurde dort der Innenausbau erst 1718 begonnen und konnte deshalb bis Jahresende erst zur Hälfte ausgeführt werden.

Nach dem Tode von Graf Johann Ernst am 27.02.1719 trat dessen Sohn Graf Karl August die Regierung an (1719-1753, Fürst ab 1737). Der sehr viel sparsamere Graf Karl August schränkte die Ausgaben der Hofhaltung stark ein und entließ auch den Hofbaumeister Rothweil aus seinen Diensten. Diese Entlassung und die Sparmaßnahmen führten zu einem Stopp der Baumaßnahmen am Windhof. Erst Ende 1722 wurden die Arbeiten am Haupthaus wieder aufgenommen, dessen endgültige Fertigstellung 1726 erfolgte.

Der nach Rothweils Plänen geschaffene große Baukomplex, der das landwirtschaftliche Gut Windhof und das Sommer- und Lustschloss des Fürsten umfasste, zeigt Rothweils militärische Herkunft durch die festungsartige Brüstungsmauer zur Stadt hin und die vier festungsmäßig wirkenden Turmbauten der Pavillons an den Ecken der Anlage. Trotzdem entsteht aber ein schlossartiger Eindruck der Anlage durch die Auflösung der Baumasse in Einzelbauten und auch wenn die turmartigen Bauten der vier Eckpavillons mit den dazwischen befindlichen lang gestreckten Gebäuden nur als Wirtschaftsgebäude des Hofes dienten, als Wohnungen des Hofgesindes, als Scheuern, Vorratslager und Ställe, so wirken diese doch auch wie zum Schloss gehörend. Nur das Haupthaus hat auch für sich gesehen schlossartigen Charakter, trotzdem aber wirkt die Gesamtanlage durch die architektonische Gestaltung und Anordnung aller Gebäude wie ein Schloss.

Die ganze Anlage ist in strenger Symmetrie und unter Verwendung einfacher und nüchterner Bauformen errichtet worden. Alle Gebäude stehen in strenger Achsenbeziehung zueinander, die Hauptachse weist über die ausgebuchtete Brüstungsmauer der unbebauten Westseite zum Turm der Stadt- und Schlosskirche.

Weilburg, Lahn, Windhof, Grundriss des Haupthauses nach F. Luthmer

Windhof, Grundriss des Haupthauses nach F. Luthmer
(Quelle: Denkmaltopographie, s. u. Quellenangaben)

Das Haupt- oder Herrenhaus weist einen rechteckigen Grundriss auf, dessen Länge 25 m und größte Breite 16,5 m beträgt. Der Keller wird von sechs Kreuzgewölben geschlossen, die in der Mitte auf Steinpfeilern ruhen. Die unteren beiden Stockwerke sind aus Bruchsteinen aufgeführt und werden von einem Mansardengeschoss mit Dachboden abgeschlossen. Das Erdgeschoss ist in symmetrisch gestaltete Längs- und Querteile zerlegt, mit einer gewölbten Halle im Schnittpunkt. Im Obergeschoss findet sich ein Achtecksaal, um den eine Anzahl größerer und kleinerer Räume gruppiert sind. Wohl die meisten Räume des Erd- und Obergeschosses waren durch Deckengemälde des Hofmalers Seekatz geschmückt und wurden von Stuckprofilen umrahmt.

Die vier Pavillonbauten waren über 16 m hoch, 10 m bis zum Dachstuhl und darüber 6,50 m bis zur Dachspitze,  mit einem quadratischen Grundriss von 11,50 m Seitenlänge. Die Pavillons gliederten sich in Keller-, Erd- und Obergeschosse, unter dem Dach waren Mansarden- und Speichergeschosse untergebracht. Die Pavillons enthielten überwiegend Wohnungen, Stuben und Kammern, dienten teilweise aber auch als Fruchtböden und Speicher.

Die Längsflügel zwischen den Pavillonbauten weisen eine Länge von 34 m bei 11,50 m Breite auf. In den Längsflügeln waren die Stallungen untergebracht, über diesen die bis zum Dach 5 m hoch reichenden Scheuern. Der Zugang zu zwei Tennen erfolgte über große Tore, an den Seiten der Tennen befanden sich die Speicher.

Hinter dem Haupthaus, dem eigentlichen Sommerschloss, an der östlichen und Weilburg abgewandten Seite, wurden Garten und Park angelegt, wie sie einem barocken Sommerschloss zugehörig waren. Entsprechend den Anschauungen des Barock und nachgeeiferter französischer Lebensart, sollte eine Einheit zwischen Bauwerk und Natur geschaffen werden und sich die gestalterische Kraft des Menschen auch in der Natur fortsetzen. Zuständig für die Gestaltung der Anlagen war der Hofgärtner Michel Petri, der auch für den beim Schloss neu angelegten Schlossgarten verantwortlich war.

Über die gesamte Breite des Windhofs wurde an der Hinterseite des Haupthauses ein Lustgarten angelegt, dessen vier ornamentgezierten Beete um ein Rondell gruppiert waren, in dessen Mitte sich ein Wasserbassin fand. Die beiden östlichsten Beete ragten in den Irrgarten hinein, in dem senkrecht beschnittene Hainbuchenhecken die Wege säumten. Von der Hauptachse wurde der Irrgarten in zwei ungleich große Bereiche geteilt, der Hauptweg selbst durch parallel verlaufende Wege gekreuzt und mit ihrer senkrechten und waagrechten Linienführung, den Kreisbögen, rechten Winkeln und Sackgassen zogen sich die Wege labyrinthisch kreuz und quer und ergaben doch eine Anlage größtmöglicher Symmetrie, die nur durch das unzureichende Gelände beschränkt wurde. In den Jahren 1720/1721 wurde der Irrgarten mit einem Plankenzaun umgeben und auch die Bezeichnung "Irrgarten" taucht erstmals 1721 auf.

Weilburg, Lahn, Windhof, Foto der Ostseite des Haupthauses

Windhof, Ostseite des Haupthauses

Über die gesamte Länge des Irrgartens waren an dessen Nordseite acht rechteckige und von Alleen eingerahmte Felder angelegt, die dem Gemüse-, Kräuter- und Obstanbau dienten. Inmitten dieser acht Felder befand sich ein achteckiger Weiher mit einer kleinen Insel in seiner Mitte. Die Mauer zu diesem Weiher war bis zu einem Meter dick und ging fast drei Meter in die Tiefe. 1722 war der Weiher vollendet worden und im Folgejahr ließ Karl August auf der Insel, die über eine Brücke erreichbar war, ein türkisches Lusthaus errichten. Dieses war wohl 1726 vollendet, denn in diesem Jahr wurden noch Ruhebetten für die Inneneinrichtung geliefert. Das Lusthaus, von dem keine Abbildung bekannt ist, wurde sicherlich selten benutzt, denn es ist bereits 1749 abgebrochen worden.

Unter Karl August wurde auch der Bereich zwischen Windhof und Frankfurter Straße in die Gesamtplanung einbezogen. Drei von Linden- und Nussbäumen gesäumte Alleen liefen strahlenförmig von der Frankfurter Straße auf den Windhof zu und wurden von einer quer verlaufenden Allee geschnitten. In dem so abgetrennten Teilstück trafen acht kurze Allen in einem Rondell zusammen. Die heutige Zufahrt von der Frankfurter Straße zum Windhof ist die westlichste dieser alten Alleestraßen. An die alten Alleen erinnert aber nichts mehr.