Ballonfahrten

Ballonfahrten nach Weilburg

Blanchards Luftreise von Frankfurt nach Weilburg 1785

Mit einem Heißluftballon waren die Brüder Montgolfier am 5. Juni 1783 in Annonay erstmals vom Boden aufgestiegen. Die Nachricht von dieser ersten Luftfahrt hatte sich wie ein Lauffeuer in Europa verbreitet. Die Begeisterung für die Ballonfahrt hatte sogar zu einer modischen Spielerei geführt, die von der Polizei in Frankfurt schon im April 1784 wegen der davon ausgehenden Feuergefahr verboten werden musste. In einer Verordnung gegen die aeronautischen Versuche wurde das steigen lassen von Ballons verboten, die ihren Auftrieb durch die von kleinen Strohfeuern erwärmte Luft erhielten.

Nun plante der bekannteste Ballonfahrer jener Zeit, der Franzose Jean Pierre Blanchard (zum Vornamen s. u. "Biografisches"), der am 07. Januar 1785 als erster den Ärmelkanal mit einem Ballon überquert hatte, seine 15. Luftreise und gleichzeitig die erste bemannte Ballonfahrt in Deutschland durchzuführen.

Blanchards Ballonaufstieg am 03. Oktober 1785 in Frankfurt

Blanchards Ballonaufstieg am 03. Oktober 1785 in Frankfurt

Der Ruf Frankfurts als internationale Messestadt und das Wissen um die Begeisterung der Frankfurter für die Luftfahrt waren einige der Gründe, die Blanchard bewogen hatten, die Messestadt am Main als Startort für sein sensationelles Unternehmen zu wählen. Sicherlich aber hatte Blanchard, der seit seiner Kanalüberquerung als Ballonschausteller Geld verdiente, auch den finanziellen Aspekt eines Starts in Frankfurt zur Herbstmesse nicht außer Acht gelassen. Für den Zutritt zum Startplatz wurden nämlich Eintrittsgelder zwischen 1 Karoline (= 9 Gulden 12 Kreuzer) und 1 Laubtaler (= 2 Gulden 16 Kreuzer)  erhoben (ein Schwein kostete etwa 5 Gulden). Frankfurt zählte damals etwa 35.000 Einwohner und am 03. Oktober 1785 sollen sich etwa 100.000 Menschen auf der Bornheimer Heide aufgehalten haben. Wie sehr die Stadt und das Gewerbe von dem geplanten Ballonaufstieg profitierten, lässt sich aus der Anmerkung eines Zeitzeugen schließen, wonach "Viktualien und Herbergen entsetzlich theuer worden und wohl über eine halbe Million Gulden verzehrt und aufgewendet worden."

Vorgesehen war der Ballonaufstieg für den 25. September, einen Sonntag. Das stürmische Wetter dieses Tages machte jedoch eine Verschiebung notwendig und als neuer Aufstiegstermin wurde der 27. September bestimmt. Trotz der stürmischen Winde auch an diesem Tag waren alle Vorbereitungen bereits getroffen und der Aufstieg stand unmittelbar bevor. Mit seinen Gästen, Prinz Ludwig Friedrich von Hessen und Darmstadt und Leutnant Schweitzer, begab sich Blanchard an Bord, doch kurz vor dem Start beschädigte ein Windstoß den Ballon und der entstandene Riss vereitelte den Aufstieg an diesem Tag. Blanchard fiel in Ohnmacht und der Ballonaufstieg wurde nunmehr auf den 3. Oktober verschoben.

Blanchard im Ballon über Weilburg

Blanchard im Ballon über Weilburg
Kupferstich aus
RELATION DU 15me VOYAGE AËRIEN DE Mr. BLANCHARD
FAIT À FRANCFORT SUR LE MEYN LE 3. D'OCTOBRE 1785.
F. Eslinger, Frankfurt, 1785

Um den Ballon während der Startvorbereitungen besser vor möglichen Windschäden zu schützen, war der Startplatz auf der Bornheimer Heide mit einem "Thurme von Brettern" eingefasst worden. Wegen der fehlgeschlagenen vorhergegangenen Startversuche stand Blanchard nur noch Wasserstoff für eine 2/3-Füllung des Ballons zur Verfügung. Um 10.36 Uhr stieg Blanchard in seinem Ballon von jenem Feld auf "wo die Franzosen einst ihren Werth bezeichneten bey der Schlacht von Bergen ....das ihr Blut noch ausduftet, welches sie für die Erhaltung der Stadt Frankfurt vergossen". (Die Schlacht bei Bergen fand 1759 statt.) Im Ballonkorb befanden sich 40 Pfund Ballast, "eine Bouteille sehr guten Wein, 2 Milchbrodte" und  Blanchards Hund, den er kurz nach dem Start an einem Fallschirm zur Erde schweben ließ und der wohlbehalten in Bockenheim landete.

In einer Höhe von über 6.000 Fuß (ca. 2.000 m) trieb ein starker Nordostwind den Ballon in Richtung Bad Homburg v. d. H. Blanchard zog dort kurzzeitig in Erwähnung  niederzugehen, entschloss sich dann aber zur Weiterfahrt.

Um 11.08 Uhr sichtete Blanchard Weilburg und beschloss dort niederzugehen. Zweimal jedoch wurde Blanchards Landung vereitelt. Auf einer Wiese in der Nähe des Hofes Wehrholz setzte Blanchard beim ersten Versuch um 11.15 Uhr einen Anker, der Ballon schwebte in etwa 50 m Höhe über dem Boden. Ein mit den Einwohnern heranlaufendes Kind erreichte den Ballon zuerst, missdeutete jedoch die Situation und löste den Anker, sodass der Ballon wieder Höhe gewann und weitertrieb.

Ein neuerlicher Versuch Blanchards zu landen wurde durch ein Dorngebüsch begünstigt, in dem sich der Anker fing. Diesmal war es ein von seiner Herde herbeieilender Schäfer, der an ein Missgeschick des Luftfahrers glaubte und den Anker erneut löste. Schließlich gelang es Blanchard aber um 11.34 Uhr in der Nähe von Kirschhofen (eine knappe Stunde Fußweg von Weilburg und heute ein Weilburger Stadtteil) an der Lahn niederzugehen und den Anker in den Fluss zu werfen. Über der Lahn schwebend erwartete er die begeistert herbeieilenden Weilburger. Um der Volksmenge auszuweichen brachte Blanchard seinen Ballon auf der anderen Flussseite zu Boden, von wo ihn sechs Mann in einem Nachen dann abholten und übersetzten.

Blanchards Fahne der ersten bemannten Ballonfahrt in Deutschland

Blanchards Fahne, die er 1785 bei der ersten bemannten Ballonfahrt in Deutschland mitführte, heute im Bestand des Bergbau- und Stadtmuseums Weilburg

Sprachlich konnte man sich nicht verständigen, immerhin aber erfuhr Blanchard, dass sich der Fürst nicht in Weilburg aufhielt. Blanchard rüstete sich alsbald wieder zum Weggang, ergab sich jedoch schließlich den Aufforderungen zum Bleiben. Während er seinen Ballon vollständig entleerte, erreichten auch Bürger und fürstliche Räte den Landeplatz, die des Französischen mächtig waren. Man half beim zusammenlegen des Ballons und führte Blanchard dann im Triumphzug in die Stadt.

Der Ballon wurde auf das Schloss transportiert und Blanchard in einem Hotel untergebracht, wo er die "Ehre unzähliger Visiten empfieng" und er selbst so viele Gegenbesuche unternahm wie ihm möglich waren. Später kam es dann noch zu einem zu einem festlichen Abendessen mit 24 Personen.

Früh am nächsten Tag reiste Blanchard mit einem herrschaftlichen Wagen über Braunfels, Wetzlar, Friedberg nach Frankfurt, wo er am späten Abend des 04. Oktober ankam.

In Frankfurt wurde Blanchard begeistert gefeiert. Ein Festspiel war war arrangiert worden, später fand ein Festmahl mit den Vornehmsten der Stadt im "Römischen Kaiser" statt und ein Empfang im Römer. Dabei übergab Blanchard eine der beiden mitgeführten Fahnen samt den Originalprotokollen über Auffahrt und Landung an den Rat der Stadt Frankfurt. Vom Rat der Stadt erhielt Blanchard "50 Stück doppelte Krönungsstücke in Gold von der Krönung Kaiser Josephs II. von 1764, hundert Dukaten im Wert". Weitere Ehrungen und Festessen folgten und am 12. Oktober reiste Blanchard aus Frankfurt ab.

Sein Fahrtziel war Kirchheimbolanden, wo er Fürst Karl Christian von Nassau-Weilburg seine Aufwartung machte. Dabei übergab Blanchard die andere der beiden auf seiner Reise mitgeführten Fahnen an den Fürsten. Die Fahne wurde in das fürstliche Archiv übernommen und kam später in das Archiv der Stadt Weilburg. Sie befindet sich heute im Bergbau- und Stadtmuseum Weilburg, wo sie zusammen mit den Fahnen Greens zu sehen ist. Blanchards Fahne zeigt mit den drei goldfarbenen Liliensymbolen auf blauem Grund das Wappen der französischen Könige. Dem Wappen aufgesetzt ist eine Krone, die untere Wappenhälfte wird von einem Ehrenkranz umfasst.

Blanchard, Medaille zur Ballonfahrt 1785, Vorderseite Blanchard, Medaille zur Ballonfahrt 1785, Rückseite

Medaille zu Blanchards Ballonfahrt 1785, Entwurf Johann Christian Reich, 46 mm Durchmesser
Inschriften Vorderseite: "FRANCOFURTI D. 3. OCTO."
"BLANCHARD SURSUM DECIMUM QUINTUM FACIENS ITER" (Blanchard unternimmt seinen 15. Aufstieg)
Inschriften Rückseite: "GALLIA SAEPIUS PLAUSIT! JAM GERMANIA PLAUDE!"
(Frankreich hat oft applaudiert! Jetzt applaudiert Deutschland.)
"MDCCLXXXV" (1785)

Blanchard hatte die Strecke Frankfurt-Weilburg in 39 Minuten zurückgelegt - Dank des heftigen Windes während seiner Ballonfahrt. Und Weilburg erhielt als Landeort der ersten bemannten Ballonfahrt in Deutschland einen Platz in der Luftfahrtgeschichte.


Quelle:
Die Luftreise Blanchards von Frankfurt nach Weilburg
am 3. Oktober 1785
von M. Domarus
Annalen des Vereins für Nassauische Altertumskunde
und Geschichtsforschung
36. Band, 1906


Biografisches
Blanchard

Jean Pierre Blanchard (als Vornamen finden sich auch die Angaben "Nicolas François", "Jean-Pierre François" und "François", ) wurde am 4. Juli 1753 in Les Andelys geboren; er starb an einem Schlaganfall während einer Ballonfahrt am 7. März 1809 in der Nähe von Paris.

Blanchard unternahm eigene Experimente, bei der Entwicklung von Flugapparaten. Diese blieben jedoch erfolglos und so wandte er sich der Ballonfahrt zu, nachdem die Brüder Montgolfier 5. Juni 1783 in Annonay erstmals erfolgreich einen Ballonaufstieg absolviert hatten.

Jean Pierre Blanchard

Jean Pierre Blanchard

Seine erste Ballonfahrt unternahm Blanchard am 04. (02.?) März 1784 bei Paris mit einem Wasserstoffballon. Bei seiner sechsten Ballonfahrt am 07. Januar 1785 überquerte er mit dem Amerikaner Dr. John Jeffries als Erster den Ärmelkanal mit einem Ballon von Dover nach Calais (Landung in Guines) und begründete damit seinen weltweiten Ruhm. Die Fahrt brachte ihm u. a. die Ehrenbürgerschaft von Calais ein und von Ludwig XVI. den Betrag von 12.000 Livres und eine lebenslängliche Rente von 1.200 Livres.

Blanchard unternahm danach weitere Luftfahrten gewerbsmäßig, darunter auch die erste bemannte Luftfahrt in Deutschland am 03. Oktober 1785 von Frankfurt nach Weilburg. Am 09. Januar 1793 startete er auch in Amerika den ersten bemannten Ballon mit seiner Luftfahrt von Philadelphia nach Deptford, New Jersey.

1804 heiratete Blanchard die am 25.03.1778 geborene Marie Madeleine Sophie Armant, die mit ihrem Gatten Luftfahrten unternahm. Kaiser Napoleon I. verlieh ihr den Titel "Kaiserliche Aeronautin". Nach dem Tod ihres Mannes verdiente Sophie Blanchard ihren Lebensunterhalt durch Ballonfahrten, die sie teilweise mit artistischen Vorführungen auf einer Schaukel unter dem Ballonkorb verband. Sie starb am 07. Juli 1819 beim Absturz ihres Ballons in Paris.

Biografisches
Jeffries

John Jeffries wurde am 05. Februar 1744/45 in Boston, Massachusetts, als Sohn von Sarah und David geboren Jeffries (Jaffrey) geboren, sein Urgroßvater war 1677 aus England nach Boston emigriert. John Jeffries starb in Boston am 16. September 1819.

John Jeffries

John Jeffries

Jeffries studierte in London und Aberdeen Medizin. Er graduierte 1763 in Harvard und promovierte dort 1769. Bis 1771 praktizierte er in Boston und war dann bis 1774 als Chirurg auf einem britischen Schiff in Boston tätig, anschließend bis März 1779 in Militärlazaretten. Jeffries ging dann nach England und wurde dort zum Stabsarzt für die britischen Truppen in Amerika ernannt. Als solcher kam er im März 1780 zurück nach Amerika (Charleston, South-Carolina). Bereits Ende 1780 gab Jeffries dieses Amt jedoch auf und kehrte nach England zurück, wo er erfolgreich als Arzt arbeitete. 1789 ging Jeffries wieder nach Boston, wo er eine große und erfolgreiche Arztpraxis eröffnete.

Jeffries arbeitete nicht nur als praktizierender Arzt, sondern er forschte auch im Bereich der Anatomie und der Luftfahrt. Er war wahrscheinlich der Erste, der wissenschaftliche Daten in der Luft sammelte und dort gemachte Beobachtungen wissenschaftlich auswertete. Die Finanzierung der mit Blanchard unternommenen Luftreisen hatte vollständig Jeffries übernommen, um auf diese Weise seine wissenschaftlichen Beobachtungen vornehmen zu können.

Nach Jeffries Überquerung des Ärmelkanals im Ballon mit Blanchard wurde auch er bekannt und berühmt, doch während Blanchard davon profitierte, geriet Jeffries bald wieder in Vergessenheit.

Jeffries ging 1770 die Ehe mit Sarah Rhoads ein, mit der er drei Kinder hatte. Aus seiner zweiten Ehe, die er mit Hannah Hunt am 08. September 1787 in London schloss, gingen elf Kinder hervor.


Quelle:
Dictionary Of American Biography
Charles Scribner's Sons
New York, 1933